2017 - Der Schleier Fällt
2017 – Der Schleier fällt
Vorwort
Vor vielen Jahren, so um die Jahrtausendwende rum, hab ich mal ein sehr interessantes Buch nicht gelesen.
Genau, nicht. Warte.
So lautete der Titel:
›Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst‹
Na, verstehst du?
Der Titel war so gut, dass ich das Buch gar nicht mehr lesen musste. Mir reichte das völlig. Es gab damals noch so eins, das hieß, inhaltlich hier völlig irrelevanter Weise: ›Jesus war kein Christ‹
Genau das gleiche Phänomen. Manchmal hab ich Glück und erwische sowas. So eine Kernaussage, die in den tausend neuen Fragen, die sie aufwirft, alle Antworten schon mitbringt. Wie ein Perpetuum mobile, das, einmal angedoingt, das enthaltene Wissen selbsttätig entpackt und mir genau die Häppchen zuwirft, die ich gerade brauche.
Ganz schön effektiv das. Querlesen Zwei Punkt Null sozusagen.
Das hab ich meinem inneren Faulpelz zu verdanken, weil der immer mit geringstmöglichem Aufwand das bestmögliche Ergebnis erzielen will. Danke, lieber Faulpelz, du bist wahrhaftig hochgradig unterschätzt.
Auch ein herzliches Danke an die mir leider weiterhin unbekannten Autoren der beiden vorgenannten Bücher, für eure außergewöhnlich guten Trigger-Titel. Es war mir ein Vergnügen, wirklich!
Ja, ähm, wo war ich? Willkommen im Spinnennetz meiner Gedankenkonstrukte. Immer schön aufpassen, den richtigen Faden nicht zu verlieren, sonst bleib ich sonstwo kleben.
Äh, genau. Der Erleuchtung ist es egal und so weiter.
Wenn ich bedenke, auf welche Weise ich in meine, naja, vielleicht nicht Erleuchtung, aber jedenfalls Selbstwiedererinnerung gestolpert bin, schien sie genau davon geprägt: Egal wie, Hauptsache jetzt! Und ich völlig ahnungslos hinterherhinkend. Wie eine verborgene Glut im Sturm eines ölgetränkten Sprühregens hat es mich in einem Dominoeffekt von Synchronizitäten hin und her zu meinem ersten Etappenziel geschleudert. Als hätte irgendwer oder irgendwas Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Umstände zu kreieren, die mich dorthin führten, wo ich sein sollte.
In genau diesem Moment, als ich vollkommen leer war. Als es gelingen sollte, umgeben von Schönheit und dem Trost der Elemente, endlich den verdammten Widerstand in mir zu durchbrechen, der mich seit Jahrzehnten davon abhielt, klar zu sehen. Nach innen. Durch mein Herz tapfer in die Leere zu tauchen, um die Schätze meiner wahren Wünsche und meines unsterblichen Kernfunkens zu heben, und meinen Raum mit ihrem Strahlen zu erfüllen.
Um diese Geschichte zu erzählen, kehre ich zurück in jene Zeit, weshalb ich interessanterweise automatisch im Ich- und Jetzt-Modus schreibe – vergebt mir, auch nicht meine favorisierte Perspektive, aber in diesem Fall ist es Teil des Flusses der Geschichte.
Weiterhin, wie ihr Füchse bestimmt schon gemerkt habt, erzählt sich insbesondere die erste Phase eher unstrumpfsockig flapsig-flockig, als eso-plüschig kontempliert, mit eingestreuten kleinen Flüchen und hier und da ein bisschen Engelsglöckchen-Blümchensprache.
Das ist auch für mich eine ungewohnte Mischung – aber sie ist authentisch, und deshalb bleibt sie so. Ich habe mich durch diese Erfahrungen schließlich nicht plötzlich in einen vergeistigten, über allem irdischen schwebenden Mini-Guru verwandeln, und ich hab auch nicht die leiseste Lust, so zu tun, als ob.
Wenn Spiritualität nicht authentisch ist, ist sie im Grunde kaum vorhanden. Für mich bedeutet das sogar insbesondere, Gegensätze miteinander zu verbinden. Allem anderen voran: Den Alltag mit ihr zu durchdringen.
Beispiel: Schnäubische Katze will ihr Futter nicht, schreit dafür aber den ganzen Tag nach einer mir unbekannten Variante selbigens. Ich am Verzweifeln, Igel kurz vorm platzen, mittlerweie sogar von einem vierten Streuner-Katz adoptiert worden, das sich genauso igelfröhlich an den Restebergen labt.
Ich: Arghh! Hilfe!
Meine Crew: Wie? Ja kein Problem, sag doch was. Da: Screenshot vom richtigen Beutel (Fixefax spezial Gellylovers, feiner Lachs mit einem Hauch von Tomate, im Wasserbad leicht angewärmt, mit Leberwurst-Schlecki als Topping)
Ich: Beschaffe ehrerbietig das Ersehnte, bereite es mit aller Liebe und Sorgfalt, die ich auf den Brustwarzen kriechend noch aufbringen kann, zu und packe noch einen kleinen Segen obendrauf, bevor ich es dem verwöhnten Mistvieh darreiche.
Katze: Na endlich, Mensch! Warum nicht gleich so?
Ich schwöre, es funktioniert. Wirklich. Und ich bin dann auch wirklich, wirklich dankbar.
Nur, damit du weisst, was dich erwartet, und mir hinterher keine Beschwerden kommen.
Also dann, viel Spaß beim Lesen. Vorausgesetzt du bist noch da.
Wenn ja, lass uns anfangen. Am Ende natürlich. Dem untersten Zimpfel vom Ende vielmehr, also dem Ende vom Ende. Sozusagen. Wo auch sonst?
1. Teil
»...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.«
›Stufen‹, Hermann Hesse
Das Ende vom Ende
23. August 2026
Während ich jetzt den zweiten Tag an diesem Werk schreibe – schon 40 Seiten, nice! - und meine Gedanken so um Enden und Anfänge kreisen, denk ich plötzlich, wie ich die Erzählung wohl beenden werde?
Mit dem Jetzt, vermute ich, das dann das Ende sein wird, in dem der neue Anfang wohnt. Mit dem der große Kreis aus Vergessen, Erinnern und Neugeburt sich schließen soll, in meinem eigenen Big Bang.
Ein ›Trommelfeuer‹ braucht es jetzt, die Info kam zuerst zum Thema YouTube-Kanal von meiner Crew, und ich meinte schon, das war es an Gehalt der Info – doch wieder mal wartet das Universum mit einer Überraschung auf: Einem donnernden Blitzschlag, der den Vorhang zwischen den Welten zerreißt und mir frische Inspiration bringt, sodass ich von Neuem beginne, überzufließen...
Was ein Trommelfeuer ist?
Lass mich dir das in einer kleinen Anektdote verbildlichen.
Damals müsste ich ungefähr sieben oder acht gewesen sein. Mein anderthalb Jahre älterer Bruder Nino, unser Pap und ich im Urlaub in Frankreich, Ausflug zum ›Luna Parque‹ – einem sommerlichen Erlebnis- und Abenteuerpark mit Fahrgeschäften, Buden, Ständen und ich weiß nicht was. Halt, doch. Eins weiß ich noch. Damals hatten sie tatsächlich noch eine Kuriositätenschau, dort zeigten sie ›die dickste Frau der Welt‹.
Komisch, dass mir das grade wieder einfällt. Ich wollte nämlich unbedingt rein - aber nicht, weil ich dachte, es wäre lustig, mir die dickste Frau der Welt anzuschauen. Ich war eher irgendwo zwischen schockiert, abgestoßen-fasziniert und interessiert, und obwohl er wirklich alles dransetzte, was er hatte – er wusste schon, was ich hier zu erfahren suchte, und wollte mir das darauffolgende väterlich ersparen – gab mein Pap irgendwann doch nach.
Es war erwartungsgemäß furchtbar. Eine schätzungsweise zweihundert Kilo schwere Frau in einem winzigen blauen Trägerkleid saß auf einem Stuhl in einem kleinen Kabuff und schnaufte schwer, während sie die Hände klatschend auf ihre Oberschenkel fallen ließ, um die celullitedurchsetzten Fettpolster in Wallung zu bringen.
Mir wurde augenblicklich schlecht. Nicht, weil sie mich abgestoßen hätte. Sondern weil sie mir leid tat – weil das hier war bodenlos entwürdigend war. Da kommen die Leute, um sich über irgendwas von der Norm Abweichendes lustig zu machen, sich irgendeinen perversen Kick zu holen und ihre angezüchtete Konformi-Normität zu zelebrieren. Merken nicht mal, wie teuer sie bezahlen, um ein Spiegelkabinett ihrer eigenen Blindheit zu betreten, in dem ihre sozial-glorifizierten Zombiefratzen sie lachend in die Schleime-Arme schließen. Gott sei Dank ist das vorbei. Wi-der-lich.
Nino und ich brauchten keine Worte, um zeitgleich auf dem Absatz kehrtzumachen und aus diesem von Menschen geschaffenen Höllenkreis zu entfliehen.
Ts, dabei wollte ich doch eigentlich was ganz anderes erzählen. Was Schönes. Spinnenbeinchen trapsen leise...
Also, jetzt aber:
Kennst du diese Automaten mit den treppenartigen, beweglichen Ebenen, auf denen lauter Spielmünzen plus ein paar begehrenswerte Objekte liegen? Sie bewegen sich in einem Plastikkasten schubladenartig vor und zurück. Über einen kleinen, nach rechts und links lenkbaren Schlitz, wirft man von oben Münzen ein, um die bereits auf den Schubladen liegenden Münzen nach vorne zu schieben. Und mit ihnen, so die hoffnungsfrohe Theorie, den darauf liegenden Glitzer-Ring, die billige Uhr, das Glasperlen-Armband oder das Mini-Kuscheltier - und das idealerweise kopfüber in den Ausgabeschacht.
Nino und ich hatten natürlich schnell unsere Favoriten entdeckt, jeder ein paar Spielmünzen investiert und waren kläglich gescheitert. Aber unsere Favoriten, die mussten wir nun natürlich unbedingt und irgendwie haben. Verwöhnte Bratzen, die wir waren, unseren Papi fest um die klebrigen kleinen Pfoten gewickelt, hatte der schon immer Schwierigkeiten, nein zu uns zu sagen. So machte er sich diesmal, nachdem all seine Vernunftargumente an uns abgeprallt waren, zumindest einen Spaß daraus.
»Ihr wollt also jeder so eine Uhr haben, ja?«, fragte er zu uns hinuntergebeugt mit breitem Lächeln und blitzenden Augen, über denen seine buschigen Brauen spitzbübisch auf und ab wackelten.
Wir nickten glücklich – diesen Blick kannten wir. Wäre Mami jetzt hier, würde allein der ominöse Plan, der in doch so überdeutlicher, wie auch noch unkenntlicher Weise glühbirnenartig überm Kopf meines Papis aufleuchtete, sie in den Wahnsinn treiben. Sie hatte leider keinen Sinn für mit Kindern verübte Späße, die aus ihrer Sicht völlig unerwachsen daherkamen.
»Na gut, aber dann machen wir’s richtig: Mit einem Trommelfeuer! Wo gibt’s die Münzen?«
Er zückte lässig ein paar große Scheine und versorgte jeden von uns mit mehreren Pappbechern voller Spielmünzen – das müssen mindestens dreihundert gewesen sein.
Nach einigen verfeinernden Anweisungen ging das Trommelfeuer auch schon los: Ohne Unterlass und langes Zielen ließen wir eine Münze nach der anderen durch den Schlitz sausen, sodass die in Windeseile anfingen, klingelnd und klirrend im wahrsten Sinne überzuquellen. Bereits nach vielleicht drei Minuten hatten Nino und ich total begeistert jeder unseren ersten Automaten komplett leergeräumt - es lagen null Komma null Funkelschätze mehr auf den Schubladen.
Der buchstäbliche Nachschub an Spielmünzen war glücklicherweise ganz nebenbei mitgeregelt, daher zogen wir fix weiter, um die nächsten Automaten zu plündern – während wir Trauben von Kindern und ihren Eltern anzogen, die riefen und lachten, münzgroße Augen machten und es einfach nicht fassen konnten.
Der Stand hatte sicher an die zehn, zwölf solcher Automaten, vollgestopft mit Klim und Bim, und wir haben sie unter dem Jubel der versammelten Kinder allesamt restlos leergeräumt.
Nachdem wir unsere Taschen maximal vollgestopft hatten, verschenkten wir die Becher voller Spielmünzen, denn die staunende Mannschaft würde die Maschinen ja irgendwann wieder auffüllen müssen. Doch für heute war die Bank gesprengt. Einige Uhren, Tierchen und Ring-Blingbling wechselten auch noch in glückliche Kinderhände über, nachdem unser Papi uns einen dezenten Ellenbogenstüber verpasst hatte.
Ein herrlicher Tag war das, ein großartiges Erlebnis, das ich im Leben nicht vergessen werde. Und gelernt hab ich obendrein noch was, und das ist das:
Wenn du schon was willst und was dafür machst, dann mach es richtig, auch wenn’s dich erstmal was kostet.
Um seine Wünsche zu erreichen, braucht es Einsatz - und manchmal auch ein Trommelfeuer.
Und warum das Ganze jetzt nochmal? Weil diese Geschichte hier, diese Erfahrung, mit der für mich alles unwiderruflich neu begann, die soll eine weitere meiner Münzen sein, für das Trommelfeuer der Geburt dessen, was und wer ich schon immer bin.
Eine Geschichtenerzählerin.
Cool, jetzt hab ich sogar schon das Ende der Geschichte. Nee, Moment, das muss ich jetzt hier stehenlassen, oder? Verdammte Spinnenbeine, sind die schnell...
Wie auch immer, jetzt aber echt, wie angedroht, zum hier geplanten Ende vom Ende, in dem der Anfang dieses Buches wohnt.
Der Anfang: Das Ende vom Ende
Mitte September 2017
Mein Kopf dröhnt und meine Nase läuft von der verflixten Grippe, doch das verschwindet gerade hinter dem brausenden Rauschen in meinen Ohren, das von meinem rasenden Herzen und rauschenden Puls immer lauter wird.
Dieser verdammte Mistkerl.
Du bist mein Ex, Scheiße nochmal, hau ab!
Nachdem ich die Klingel abgestellt habe, ist der einfach dreist ums Haus rumgegangen! Stellt sich da vors Fenster und brüllt mir die vulgärsten aller unterirdischen Unverschämtheiten entgegen. Weiß ganz genau, dass die alten Rolläden(*FN* Ich will verdammt sein, wenn ich mich jemals dazu zwingen lasse, auch nur ein Wort mit drei Konsonanten in Folge zu schreiben. Nicht mit mir! (Anmerkung der Autorin)FN*) nicht mehr runtergehen. Mann, wie hab ich mich jemals in den verlieben können?
Meinem Emotional-Haushalt ist es grade völlig schnurz, dass er inzwischen ganz offiziell ein Ei am Dach hat - Verzeihung, posttraumatische psychotische Schübe? Ich bin mit political correctness nicht so auf dem Laufenden, da ändert sich ja alle zwei Minuten was. Nicht, weil es den Betroffenen so wichtig wäre, jedenfalls nicht denen, die ich dazu befragt habe: Einen bunten Haufen Lesben und Schwule, zwei befreundete Transmänner, diverse spontane, überraschend berührende Dragqueen-Bekanntschaften, mindestens drei Freunde auf dem Spektrum und eine ganze Gruppe zauberhafter Downie-Mädels, die ich mal zufällig in einer Bar kennengelernt habe.
Nein, nein, das ist nur, damit am Ende jeder Trottel was hat, worüber er sich aufregen kann, während er das Wichtige verpasst – so wie ich und mein Neurechtschreibreflux.
Na, wie auch immer, Spinnenhirn – jedenfalls kann er jetzt grade halt nicht so richtig viel dafür. Offiziell. Kotz. Im Fachsprech würde das wohl unzurechnungsfähig heißen. Das ist mir aber grade völlig Latte, was für ’ne Latte der am Zaun hat. Oder auch nicht. Vielleicht verloren, was weiß ich.
Mein Hals schwillt nämlich immer mehr an, und das kommt nicht von der Erkältung. Heiße, schäumende Wut. Wie eine Raubkatze im Käfig tigere ich durchs Wohnzimmer, hin und her - die überschießende Energie muss raus. Der griechische Gossensprachen-Philosoph ist keinen Argumenten mehr zugänglich, ganz egal, wie und was ich sage.
Und jetzt?
Ich bleibe kurz am Fenster stehen und sehe ihn an, während er weiter ungebremst seine unzitierbare Schmutztirade über mir ausschüttet.
Da passiert es.
Eigentlich fühlt es sich ganz unspektakulär an.
Doch es ist wichtig.
In mir drin verschiebt sich etwas.
Oder vielmehr, ich verschiebe mich in mir, falls das irgendeinen Sinn ergibt.
Irgendwas in mir tritt einen Schritt vom Geschehen zurück und flüstert mir zu: Was würdest du tun, wenn du eine andere Frau in so einer Situation sehen würdest?
Polizei rufen. Logisch.
Die Antwort kommt ohne Verzögerung und mit ihr die Entscheidung.
Ich sehe erneut durchs Fenster.
»Wenn du nicht augenblicklich verschwindest, rufe ich die Polizei!« Es fühlt sich an, als würde ich dabei Geifer durch die Gegend spritzen. Wie eine wildgewordene Wölfin, bereit, Kehlen in Fetzen zu reißen, heiß sprudelndes, pulsierendes Blut zu trinken, um ihr Pack zu beschützen.
»Du gottver*piep* PIEP, mach doch, das passt ja zu dir, du alte PIEP!! Die piep-Bullen können mir mal den PIEP...!«
So würde sich das jedenfalls im Nachmittagsfernsehen anhören. Und ich habe Besseres für meine begrenzten Resthirnkapazitäten zu tun, als mir diesen Schmuddel auch nur richtig anzuhören.
Stattdessen wähle ich lieber. Zeige dem Durchgeknallten da draußen jeden Schritt, spreche laut mit der Dame in der Zentrale, als diese abnimmt - ich kann auch gar nicht anders, stelle mich an, wie der erste Mensch, so wie ich das Problem in zusammenhanglosen Fetzen wutentbrannter Atemlosigkeit vortrage.
Irgendwann dringt die Botschaft trotzdem zu ihr durch.
»Wir schicken einen Wagen vorbei, sind in ein paar Minuten da.« Diese Information gebe ich brühwarm an den Brüllsack weiter – und siehe da, das kommt scheinbar im Ansatz bei ihm an. Obwohl er noch ein oder zwei ungepflegte Minütchen weiter sein Gallegift verspritzt, ist ihm doch irgendwie der rechte Biss abhandengekommen. Da hat die psychotische Selbstgerechtigkeit scheinbar einen Knacks gekriegt, frohlocke ich innerlich. Aha, jetzt latscht er vor sich hin geifernd davon, immerhin.
Ich zittere am gesamten Leib, mein System ist voll im Fight-or-Flight – und ich bin verflixt froh, dass ich’s diesmal geschafft hab, in den Kampfmodus zu kommen. Für mich selbst. Ein paar Tränchen laufen meine grippeverquollenen Wangen hinab, als ich auch schon Hallo-Rufe höre, – ich hab vergessen, nach diesem Übergriff die Klingel wieder anzuschalten – die Streife ist da.
Nette Jungs. Doch, wirklich. Wir stehen noch draußen und reden, als der Mistsack den Spuren seiner Taten folgend schon wieder frechdreist um die Ecke biegt. Schlendert durch das Hoftor wie beim Sonntagsspaziergang, ruft hochtrabend, »Na, suchen Sie nach mir? Das ist ja schön, ich erzähl Ihnen mal was über die da...«
»Ist er das?«, übertönt ihn der hübsche Blonde an mich gewandt.
»Das ist er.« Fassungslos erkenne ich den qualmenden Joint in seiner Hand. Hab ich eben schon mal dreist gesagt?
Ihm scheint das grade erst bewusst zu werden. Pseudo-tiefenentspannt lässt er das Ding fallen und zertritt es gründlich mit dem Hacken.
Die zwei netten Polizisten nehmen ihn engmaschig in die Mitte, nehmen seine Daten auf und halten ihm eine Standpauke, die zumindest teilweise durch das Schneegestöber seiner gestörten Rezeptoren zu dringen scheint.
»Wenn wir Sie heute nochmal hier antreffen, nehmen wir Sie mit, ist das klar?« Besser als nichts.
»Wir schauen zwischendurch noch mal bei Ihnen vorbei«, fügt er an mich gewandt hinzu. Okay, jetzt ist es besser als besser als nichts. Ich danke beiden und meine es auch so.
Als sie weg sind, gehe ich zurück ins Bett. Der Vergangene scheint erstmal ausgetrieben, Gott sei Dank.
Durch die wabernde Wut, nun gemischt mit Erleichterung und einem guten Schuss Fassungslosigkeit über diese ganze Geschichte da eben, dringt ein Fünkchen Freude zu mir durch. Stolz. Ich war für mich da. Wirklich da. Mit vollem Einsatz. Habe meine Bedürfnisse über seine gestellt und mich verteidigt. Mir gezeigt, dass ich mich auf mich verlassen kann. Mir gezeigt, dass ich wichtig bin. Mir gezeigt, dass ich mich liebe.
Mit dem Hauch eines Lächelns im Mundwinkel schlafe ich ein.
Ich muss hier raus
Ende September 2017
Ich tapere durch die Wohnung - unruhig, ahnungslos, orientierungslos.
Jetzt wohne ich hier im Haus meines Halbbruders im Taunus – ein Traum von einer Naturexplosion, nicht nur nach den balkonlosen Jahren auf fünfzig Quadratmetern in Frankfurt.
Der Ex ist endgültig exkommuniziert – nachdem er es doch tatsächlich gewagt hat, mich eine Woche später nochmal anzurufen, um mich zu fragen, wie’s mir so geht. Manches wird sich mir nie erschließen.
Mann, hab ich den hochkonzentriert zusammengebrüllt. Mir will schon wieder die Wut in den Hals kriechen. Nein, nein - think positive! Immerhin kostet der mich jetzt keine müde Mücke mehr, und damit sind nicht nur Mäuse gemeint.
Der Job läuft gut, immer schönere Projekte, mehr Studios fragen an, bessere Vergütung. Sehr schön. Wollte ich immer!
Und jetzt? Ertönt eine leise innere Stimme unaufgefordert.
Verdammt. Gute. Frage.
Und jetzt?
Ich starre eine Weile vor mich hin, während ich diese Frage in mir hin und her schiebe. Ganz, ganz langsam beginnt ein bislang armutsbedingt völlig ungewohnter Gedanke in mir Form anzunehmen: Urlaub. Einfach mal raus!
Allein? Egal!
Irgendein kleines, verunsichertes Tierchen in mir flüstert was von ›kann ich mir das leisten und hab ich das verdient‹, und das macht mich wütend. Trotzig. Wenn ich für mich die Polizei rufen darf, dann darf ich verflixt noch eins auch für mich in Urlaub fahren! Ich muss hier raus!
Das leise Angst-Tierchen wird nur fix noch gefesselt und geknebelt im Keller verstaut.
Nach reiflicher Überlegung entscheide ich mich für Italien – Forte dei Marmi, wo wir als Kinder mit der Familie immer waren... damals, in einem anderen Leben. Als wir noch zusammen waren. Glücklich waren.
Jedenfalls rede ich mir das ein – und das stimmt wohl auch zu großen Teilen, jedenfalls für meinen anderthalb Jahre älteren Bruder Nino und mich, als wir noch sehr klein waren. Meine Eltern und mein Halbbruder Michael sind da sicher eine andere Geschichte.
Wie auch immer, ich war dort nicht mehr seit... sechsundzwanzig Jahre müssten das jetzt sein, zuletzt mit sweet sixteen, und jetzt habe ich mir ein Zimmer in einem kleinen Hotel gebucht – eher eine Besenkammer als ein Zimmer, aber Singles sind derlei Schmerzen ja gewohnt. Schon in ein paar Tagen geht es los, und meine Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.
Ich will selbst hinfahren, wie früher über die Berge, und dann die Küste hinunter, will sogar die Fahrt genießen, die kristallklare Schweizer Bergluft und das herrliche Bergquellwasser in mich aufsaugen, das in rauschenden Wildbächen in die Täler stürzt.
Außerdem will ich unabhängig sein - frei! Ausflüge machen, Florenz, Cinque Terre, Viareggio, die lauten, bunten Märkte, die kühlen, stolzen Marmorberge...
Habe mir sogar ganz vorsintflutlich Papierkarten vom ADAC kommen lassen, man weiß schließlich nie.
Und apropos Sintflut und man weiß ja nie - einen Fernseher habe ich zwar längst nicht mehr und die Nachrichten weitestgehend abgeschafft, aber - den Wetterbericht verfolge ich schon, jetzt, kurz vor Oktober, so kurz vor meiner Reise: Italien wird in den Bergregionen gerade von geradezu biblischen Regenfällen heimgesucht, die das sommertrockene Erdreich die Serpentinen überflutend in die Täler spülen.
Natürlich. Was sonst?
Gedanklich strecke ich dem Schicksal inbrünstig meinen Mittelfinger entgegen. Ich fühle mich verraten.
Aber du kannst mich mal, dann fahr ich eben durch den Tunnel!
Wird schon wieder aufhören mit dem Regen.
In den nächsten Tagen bin ich voll im Trotzmodus. Der Regen hört trotz dem Trotz nicht auf. Inzwischen sind die ersten Küstenregionen vom Schlamm überschwemmt.
Mir doch egal.
Italien ist bestimmt auch im Regen schön.
Der Abreisetag
Nimm das, Schicksal! Denk ich mir, während ich innerlich meine Checkliste abhake: Auto fertig gepackt – ich hab mich nicht lumpen lassen, reichlich Lesestoff, Snacks und Aufstriche, damit ich halbwegs vegan durchkomme. Obwohl ich mir da nichts vormache: Wer Italien verlässt, ohne eine wagenradgroße original-italienische Schmelze-Mozzarella-Pizza verdrückt zu haben, ist selber Schuld. Ich verabscheue Dogmatismus. Hab ich auch mal ausprobiert. Ist nicht meins. Ein perfekter Weg, sich das Leben zu versauen, wenn mich einer fragt.
Egal, weiter im Text.
Öl und Wasser gecheckt, Reifendruck prüfe ich gleich beim Volltanken, Windschutzscheibe frisch geputzt.
Ein letzter Blick durch den Raum – ich bin startklar.
Ich verstaue Hand- und Provianttasche griffbereit neben mir, die zehn frischgebrannten CD’s mit der ›Unendlichen Geschichte‹ als Hörbuch hab ich schon gestern Abend in den ollen Wechsler gestopft.
Ich schnalle mich an. Ich seufze tief und sinke in den Sitz. Lächelnd drehe den Zündschlüssel um, und-- nichts.
Ein kurzes ›Klick‹. Dann Stille.
Ich bin gerade wirklich froh, dass ich mein Gesicht nicht sehen kann.
Schlüssel zurück, nochmal drehen. Klick. Stille.
Ich fange an, in mich hineinzugrollen. Es klingt selbst in meinen Ohren bedrohlich. Nochmal gaaaanz langsam.
Zurück.
Drehen.
Klick.
Stille.
Ein animalisches Brüllen dringt aus meinen Tiefen, schallt in dem kleinen Auto dröhnend zu mir zurück und bringt mich wie ein Erdbeben zum Erzittern. Ich fühle mich, als müsste ich wie Gandalf in den Höhlen von Casat Duhn mit dem Balrog ringen, und will schon mit letzter Kraft, »Flieht, ihr Narren« krächzen, bevor die Scheiße auf den Ventilator trifft, wie die Amis so schön sagen.
Ruhig, Eva.
Atmen.
Ganz ruhig.
Nur atmen.
Ich atme ein bisschen.
Dann steige ich aus und trete ein bisschen gegen die Reifen. Nur so zum Spaß.
Aua. Scheiß Felgen.
Ich löse lieber den Riegel und öffne die Motorhaube – ist da irgendwo ein Kabel locker, vielleicht die Batterieverkabelung nicht fest verschraubt? Hich sehe nichts. Egal, wie lange ich vor mich hin stiere.
Mir fällt eine Szene ein, aus, ich glaube, ›Bestellungen beim Universum‹ hieß das Buch. Die Autorin hatte auch eine Panne und hat dann irgendwie spontan einen Automechaniker gechannelt, oder so. Hat jedenfalls die Karre wieder flott gekriegt. Ganz tschuggi.
Ich beschließe, dass ich das jetzt auch so mache.
Dann stehe ich da und warte auf die erleuchtende Einbegebung.
Erst warte ich.
Dann warte ich noch ein bisschen.
Geduld ist schließlich eine Tugend, fällt mir hilfreich ein. Und es ist auch noch kein Meister vom Himmel gefallen. Außerdem führen am Ende eh alle Wege nach--
Dem Balrog in mir wird es zu bunt, der will dem gandalf’schen Schicksal jetzt die Fresse polieren. Oder umgekehrt?
Scheißegal. Ich stampfe schnaubend zurück ins Haus. Jetzt grade fühle ich mich genau so wie der riesige, blutrote Stier, der das letzte Einhorn jagt, aussieht.
Und auch ein bisschen wie das letzte Einhorn, das die ganze Zeit vor seinem eigenen Schatten wegzurennen scheint.
Drinnen angekommen, schreie und brülle ich erstmal kräftig rum, bis ich irgendwann alle Mistwut aus mir rausgequetscht habe. Dann sinke ich erschöpft in den Sessel. Zeitgleich steigt erneut die lästige Frage in mir auf:
Und jetzt?
Trotzdem noch Urlaub
Später am gleichen Tag
Ich zeig dir schon, was und jetzt. Meinen Trotzkopf wird man irgendwann mal extra mit dem Hammer zu brei schlagen müssen, denke ich mir. Aber irgendwie ist das grade auch so, als hätte ich mir selbst ein Versprechen gegeben, als das alles passiert ist. Als ich mich endlich befreit habe aus dem Wahnsinn, der mit diesem Flachmann kam.
Nach stundenlangen Recherchen wird es nun Gran Canaria, in fünf Tagen geht es los, mit Minimalgepäck und Bustransfer - also maximal abhängig – aber: Hauptsache raus hier. Einen kleinen Bungalow hab ich ganz für mich, nur fünfzig Meter vom Strand entfernt.
Ich bestätige die Buchung.
Und fange wieder an, mich zu freuen.
Viel zu früh am nächsten Morgen
Mann, hab ich scheiße geschlafen. Lauter bunter Mist ist durch meine Träume gewirbelt. Nachdem ich mich aber nicht so richtig daran erinnere, um noch ein bisschen drauf rumzukauen, wird es wohl Zeit, das Auto aus- und meine Sachen umzupacken. Gestern hätte ich meine arme Blaumöhre bestimmt sinnlos attackiert und uns beiden nur wehgetan, hätte ich ihre verräterisch unschuldig dreinschauenden Scheinwerfer noch einmal aus der Nähe sehen müssen. Jetzt, noch im Halbschlaf, schaue ich dem immerhin ein My weniger aggressiv entgegen.
Also auf, raus, ersten Koffer schnappen, ins Haus damit. Dann wieder raus, und so weiter, bis der halbe Hausstand wieder drinnen ist.
Hm, die Karre steht ja nur hier draußen auf dem Bordstein, weil die Einfahrt abschüssig ist und ich Öl prüfen musste, fährt es mir durchs Hirn. Ich sollte sie wieder reinfahren.
Wie ferngesteuert und ganz ohne Denken lasse ich mich in den Sitz fallen und drehe schon den Schlüssel rum, als mir wieder einfällt, dass ja genau hier des Pudels Kern begraben liegt – und werde vom ungebremsten Aufbrummen des Motors verhöhnt, der unschuldig schnurrend zum Leben erwacht.
Zeitgleich zieht Nebel auf. Undurchdringlich.
Eine Weile sitze ich einfach nur da, lausche dem Schnurren mit glasigen, in den Nebel stierenden Augen. Völlig egal, ob der meinem gemarterten Hirn oder meiner Phantasie entsprungen ist – irgendwie fühlt er sich heimisch an.
Irgendwann, wer weiß, wie lange Zeit später, stoppe ich den Motor. Ich schließe die Tür, gehe ins Haus und falle mit dem Gesicht voran ins Bett, wo ich minutenlang manisch in mein Kissen brülle.
Die nächsten, grob geschätzt, vierundzwanzig Stunden liegen noch immer gnädig im Nebel. Und ich bin fest überzeugt, das ist auch gut so.
24 Stunden später
Nach einem schmerzlichen Akt des Umpackens bleiben mir leidenschaftlicher Leseratte immerhin drei Bücher, die ich mitnehmen kann – denn mein jahrelang treuer Kindle-Gefährte erster Generation hat letzten Monat schon den Geist aufgegeben.
Aber hey, was soll’s?
Raus hier! Urlaub!
Endlich weg
Taxe zum Flughafen, einchecken, fliegen, auschecken, ab in den Transfer-Bus.
Ich bin platt vom Flug, meine Nase ist noch platter, weil ich sie gierig ans Fenster presse, um den Moment nicht zu verpassen, wenn das Meer am Horizont auftaucht. Zwischen Palmen und weißgetünchten Häuschen kommt es schon bald auf der linken Seite in Sicht - eine Welle herzhüpfender Freude steigt in mir auf! Genauso unumgänglich penetrent und unausweichlich wie der Dampf meiner glühenden Füße aus den verflixten DocMartens, die ich mir zum Schutz meiner Zehen in den Flughafenhorden angetan habe. Die Dinger wirken wie Präser für die Füße – und notfalls auch umgekehrt, wenn du verstehst.
Hin und hergeriss4en blweibt mir keine Zeit zu mosern - schon hält der Bus, und gleich die erste Station ist meine!
Ich sause strahlend hinaus in den Sonnenschein, tausche mit dem Fahrer ein strahlendes Lächeln sowie Koffer gegen Trinkgeld; der Bus fährt ab, ich winke fröhlich hinterher.
Dann stehe ich da erstmal.
Meinen Seesack vergessen neben mir, schaue ich hinaus aufs Meer, das höchstens hundert Meter von mir entfernt prachtvoll glitzert, und sauge die salzige, fischig-frische Seebrise tief in mich auf. Haaaaach!
Verflixter Seesack. Hätte ich ein Auto, würde ich jetzt sofort zum Wasser flitzen und meine armen Füße kühlen.
Ein kurzer Rundumblick verrät mir: Rechts, von hell getünchten, mit mir unbekannten, bunten Blumen überwachsenen, kleinen Mäuerchen umgeben, die erfreulich überschaubare Bungalowanlage. Direkt vor mir ein Parkplatz mit Zugang zum Strand, links davon schießt ein geschmackloses Achtzigerjahre-Hotel mit unzähligen Balkonen in die Höhe, und unten drin befindet sich ein winzigkleiner Supermarkt namens – ernsthaft, ich schwöre Stein und Bein - ›Eva II‹.
Punkt Null, denke ich mir.
Also dann, erstmal Homebase klarmachen.
Am Strand
Später am Tag
Angekommen. Alles erledigt – als erstes ein frischgezapftes Bier aus geeistem Glas am Mini-Pool inhaliert, dann Sachen verstaut, umgezogen, eingekauft – ist etwas angeschmuddelt hier, aber alle sehr nett.
Das Wifi für zehn Euro pro Woche lässt mich wünschen, ich hätte das Geld für einen Brandbeschleuniger ausgegeben, um die Menschheit von diesem Router aus der Hölle zu befreien. Glotze? Selbst wenn da was anderes als Schnee und Rauschen rauskäme: Kein Interesse. Jetzt wird geurlaubt!
Ich wickle mir schnell noch ein Tuch um die Hüften. Bin mal wieder etwas mopsiger geworden, als mir lieb ist, aber nu. Dem Strand ist das genauso egal wie der Sonne, und meinem geliebten Ozean ist es sowieso von jeher schnuppe, wie viel Wasser so ein Menschenwürmchen nun genau verdrängt. Nicht genug, um einen Unterschied zu machen, so viel steht fest.
Nur fünfzig Meter! Mein Meeeeeer!
Einen Augenblick später
Eine Weile stehe ich einfach nur im nassen, wirbelnden Sand. Bis zu den Kniekehlen von den Wellen umspielt, blicke ich in den weiten Horizont über dem tiefblauen Meer, und lasse mich im Zauber der Elemente treiben.
Zuhause. So fühlt sich das an. Ich spüre, wie ich loslasse. Endlich entspanne. Meine Schultern sinken ganz von allein nach unten. Ich beginne, aufzutanken.
Hübsch ist es hier, fast ein kleiner Privatstrand. Links Hotels, aber auch Freiflächen dazwischen, rechts ein kleiner Leuchtturm, hinter dem sich eine nicht allzu hohe Steilklippe erhebt, in die die besseren Bungalowanlagen sich überraschend hübsch hineinschmiegen. Ich liege einfach nur rum, gehe im Wechsel schwimmen oder sonne mich, fahre runter, entspanne, genieße.
Auch noch am nächsten Tag.
Also, mindestens bis zum nächsten Nachmittag.
Okay, bis zum frühen Nachmittag.
Langweilig? Mir doch nicht
Am nächsten Tag, gegen Mittag
Und jetzt?
Mann, geht mir diese Frage auf den Senkel. Wobei ich zugeben muss, mir ist - nicht, dass ich mich beschweren will – tatsächlich jetzt schon langweilig. Insofern keine völlig unberechtigte Frage.
Den Vormittag habe ich daher weitgehend mit dem Versuch zugebracht, mich am Strand liegend in das erste Buch einzuarbeiten, das ich dabei habe. Ein Geliehenes. Von einer Frau, die ich kaum kenne. Übers Internet.
Wie blöd kann man eigentlich sein?
Jedenfalls noch nicht so blöd, diese pseudo-literarische, melancholisch-depressive Kunstscheiße nicht nur als lesbares Buch zu bezeichnen, sondern auch noch zu verleihen. In dem Wissen, dass ich dem hilf- weil optionslos ausgeliefert sein würde. Mein mangelnder Besitz daran ist auch der einzige Grund, dass ich das verflixte Ding nicht längst in Asche aufgehen lassen habe, um das arme Papier von diesen Tintenauswüchsen zu befreien und dem Kreislauf der Natur zurückzugeben.
Ernsthaft, wenn ich ein Baum wäre und Papier werden müsste, dann doch lieber gleich Klopapier, da weiß man doch wenigstens, woran man ist. Aber als edler, makelloser Papierbogen erwartungsvoll und hoffnungsfroh mit dem literarischen Pendant des bek(n)ackten Kollegen begossen zu werden, das ist doch mies, geradezu hinterfotzig.
Dann wiederum – zugegeben – bin ich ja sogar noch blöder. Das zweite Werk, das ich mit mir führe, ist nämlich ein weiteres Leihbuch. Japp. Aus derselben Quelle.
In meinem Kopf schlägt mein äußerer Kopf mit einem stumpfen ›tock‹ auf eine imaginäre Tischplatte und bleibt da erstmal eine Weile liegen. Stöhnend, versteht sich.
Die Lobgesänge der großzügigen Leiherin auf beide Presswerke rekapitulierend, komme ich zu dem Schluss, dass ich mir jeden weiteren Blick auf Werk Nummer Zwei schenken kann – und auch dringend sollte, wenn mir meine Nerven lieb sind. Ich, als jahrelange Auftragsautorin, bin nämlich schwer berufskrank, und mir dessen schmerzhaft bewusst. Beidseitiger Literatur-Kritizismus ist eine schwere Nervenerkrankung, die zu manischen Schüben führen kann. Ausgelöst durch zu halbherzige Schläge, mit denen der innere Kritiker nunmal einfach nicht totzukriegen ist, und so weiter ständig an den Nerven rumsägt, völlig egal, was man grade liest oder selbst fabriziert. Der alte Sack ist zu mir und meinen eigenen Schreibereien obendrein ganz genauso fies wie zu anderen. Wenn hier also einer mit Dreck zurückwerfen darf, dann ich, befinde ich gönnerhaft. Da müssen wir alle durch, das härtet ab.
Wider besseren Wissens – meine Erkrankung lässt mich glauben, es sei meine heilige Pflicht, die Welt von solchem Schund zu befreien – wandern die beiden schmierfinkbeschmutzten Papierbündel in der hintersten Ecke meines Koffers in Schutzhaft.
Ich kann mir in Gegenwart dieser Hohngestalten selbst nicht trauen.
So bleibt mir nur noch das Dritte im Bunde. Immerhin, dieses habe ich selbst erwählt. Nur, mal ehrlich, habe ich es vor allem deshalb eingepackt, weil ich es schon seit Monaten vor mir her schiebe. Und darauf spekuliert habe, dass ich es wahrscheinlich doch nicht lesen muss, weil ich ja Unterhaltsameres dabei habe. Soweit meine Planung innerer Selbstverarsche. So a la: Ich wollte ja, deshalb hatte ich es ja dabei, aber irgendwie bin ich dann doch nicht dazu gekommen, die anderen Bücher waren so spannend...
Ja genau. Hat super funktioniert. Sich selber zu belügen ist bestimmt die sinnvollste Variante seiner Art, weil einem irgendwann mit Sicherheit die Selbsterkenntnis in den Arsch beißt. Schließlich ist man selber Schuld und kann’s niemandem in die Schuhe schieben, um sich dann selbstgerecht im Selbstmitleid zu suhlen.
Jedenfalls fühlt mein Leseratten-Ich sich schmerzhaft kirchenmäuslich aufgestellt, und so stelle ich mich tapfer dem Unausweichlichen.
Mit merklich weniger Enthusiasmus als die duftenden Nektarinen zuvor – aber immerhin - schnappe ich mir das Libri Delicti und stopfe es zu ihnen in meine Strandtasche.
Es ist ein bisschen diesig heute, aber angenehm warm und der Strand erfreulich leer. Ein paar wenige Spaziergänger und nur eine Handvoll Urlauber verteilen sich weitläufig im hellen Sand.
Nahe der Steilklippe lasse ich mich unter einer Palme nieder, um mich dem süßen Nichtstun hinzugeben.
So lange wie möglich.
Haaach.
Noch ein bisschen.
Schön.
Und jetzt?
Ich stöhne innerlich. Öffne die Tasche. Wähle nach kurzem Zögern eine Nektarine. Verdrücke sie. Schäme mich ein bisschen.
Schiele erneut in die Tasche. Auf das Buch. Die zweite Nektarine. Buch, Nektarine, Buch – ihr kennt das Prinzip.
Wild entschlossen greife ich schließlich mit beiden Händen zu – jaa, kleine Schritte. Mäuseschritte.
Ich beiße in die zweite Nektarine und schiele kauend auf den Titel des Buchs in meiner weitestmöglich von mir weggestreckten Linken:
»Seelenverträge – Absprachen in Liebe« von Taisha Abelard.
Boah, was für ein Titel. Klingt irgendwie nach leicht fanatisch überdrehtem Bibel-Gottes-Interpretationsmurks mit Engelsglöckchengebimmel.
Warum wollte ich das nochmal lesen?
Ach ja...
Einige Monate zuvor
Über drei Ecken habe ich von diesem Channel in Österreich erfahren, der persönliche Konsultationen gibt. Das fand ich immer schon spannend, zumal ich damals noch der Überzeugung bin, es sei mein erster Kontakt mit einem solchen. Erst Jahre später begreife ich es richtig: Meine eigene Mutter war geradezu herausragend bewandert darin. Nur weil sie nicht in Tiefentrance ging, bestand sie selbst darauf, kein klassischer Channel zu sein. Schon witzig, wie das mit den Narrativen und Interpretationen von Begriffen ist...
Jedenfalls habe ich mir seine Webseite zu Gemüte geführt, mit dem Ergebnis, dass es zwei Wochen lang in mir arbeitete. Ich wusste gleich, dass ich einen Termin bei ihm wollte, aber ich nahm mir die Zeit, erstmal all die Infos in mir einzusortieren, die er bereitgestellt hatte.
Ein sehr netter, echter Mentor. Seine Arbeit war interessant und wirkte authentisch – vor allem aber half sie mir, obwohl mir das Ganze von seiner Funktionsweise her noch ziemlich unklar war, weder Brühe noch Klöße irgendwo in Sichtweite. Er arbeitete viel mit Vergebung – ein wichtiger Ansatz, der noch sehr viel mehr bei mir aus- und loslösen würde in naher Zukunft.
Bei unseren Sessions fühle ich mich immer wie ein Kind, das fester an der Fensterscheibe des Süßwarenladens klebt, als dessen Plombenzieher-Auslage zwischen den Zähnen. Das will ich auch können!
Nicht, dass ich die Traute gehabt hätte, das laut zu sagen. Aber ich fing doch an, ihm Fragen zu stellen, wie sein Prinzip funktionierte, wie er dazu gekommen war, und so weiter. Er nannte mir unter anderem ein ganz bestimmtes Buch als Basis seiner Arbeit. Das wollte ich unbedingt lesen!
Also, irgendwann. Ganz bestimmt.
Die Nektarine ist gefuttert. Ein Sonnenstrahl pikst mich ins Auge. Ich schaffe Abhilfe, indem ich mich hinlege und meine Augen mit dem geöffneten Buch bedecke. Sehr praktisch. Schön, es dabei zu haben.
Langsam drifte ich ins Halbschlafland hinüber.
An ebenjenem Strand
Nach einem kurzen Schläfchen
Einem kurzen Halbschläfchen. Nektarinen bieten einfach nicht genug Sättigungseffekt, um wie ein Bär in den Winterschlaf zu fallen. Immerhin, zum kurz Hirnausschalten hat’s gereicht.
Gleich als ich die Augen öffne, wende ich einen simplen Trick an, den wir Autoren nutzen, wenn unsere Inspiration vor dem inneren Lektor in die Knie geht: Wir fangen an zu schreiben, bevor der alte Meckersack aufwacht. Wenn wir besonders gut drauf sind, ziehen wir ihm vorsorglich noch eins über die Rübe, damit das auch so bleibt, bevor wir uns aufs nackte Papier stürzen und es wild zu beflecken beginnen. Uns hirnlos dem Vertrauen hingeben, dass wir irgendwann von selbst wieder in den Fluss hinübergleiten werden, der von der Inspiration gespeist wird. Schon der alte Lessing hat davon gesprochen, was für ein unerklärlicher Zauber es ist, in diesem Fluss zu baden ohne dessen Quellort zu kennen. Oder auch nur, wie man hingekommen ist.
Jedenfalls und wie auch immer geht das nur, solange das miesepetrige Schandmaul in uns drin sich mit Matratzehorchen beschäftigt.
Jetzt mache ich es einer kleinen Eingebung folgend einfach umgekehrt: Ich fange schnell an zu lesen, bevor Hirn und Schweinehund sich regen. Der Schweinehund ist nämlich das Alterego des inneren Lektors, wie Dr. Jeckyll und Mr. Hide, oder in diesem Fall eher wie Pest und Cholera. Beides keine angenehmen Zeitgenossen.
Ein Schlüsselbuch
Keine Sekunde später
Noch halb im Halbschlaf beginne ich also, blumige Worte zu lesen. Kurze Absätze, das hilft. Ich lasse mich irgendwie belatschern, während ich noch irgendwo rund um Alpha- und Theta-Hirnwellenzustand kaum merke, wie ich Absatz für Absatz weiterlese. Meine linke Gehirnhälfte verarbeitet praktisch nichts – was hab ich da eben gelesen? Was Blumiges, Zuckriges, und irgendwie Tröstliches.
Da ist es wieder, dieses seltsame Phänomen, ich kann’s nicht anders sagen - etwas verschiebt sich in mir. Gleichzeitig verschiebt sich irgendwie meine Wahrnehmung. Und das liegt an einem Satz, den ich nun zum ich weiß nicht wievielten Mal lese:
Wir wissen, wer dies liest, wir wissen es.
Der Satz bleibt hängen. Verhakt sich in mir. Mir läuft eine Träne die Wange hinab, und ich weiß nicht, woher sie stammt. Kann das sein, gibt’s sowas? Scheinbar habe ich meiner linken Hemisphäre zu heftig einen übergebraten, denn jetzt gerade kommt mir das vollkommen wahr vor. Völlig unlogischerweise. Dabei liebe ich Logik. Aber das, was hier grade passiert, passiert irgendwo jenseits aller Logik, ich bin eine einzige Gefühlsexplosion. Und ich fühle Antworten.
Immer mehr Tränen fließen, während ich nicht so sehr von diesem Gedanken und dessen Bedeutung, sondern so viel mehr vom Gefühl der Wahrheit in diesem immer wiederkehrenden Satz überschwemmt werde. Mir wird innen drin ganz warm, während mich außen die Gänsehaut nur so überrollt, von oben nach unten nach, rauf und runter, wie Wellen, je mehr ich in diesen Gefühlen, der heraufbeschworenen Atmosphäre bade, die die Worte in diesem Buch herbeizaubern.
Die meinen mich. Es gibt keinen Zweifel. Zweifel existiert nicht.
Natürlich meinen sie nicht nur mich, das ist auch mir klar, aber – die meinen auch mich. Mich. Weil ich wichtig bin. Und weil ich genau richtig bin, wie ich bin.
Und wenn es niemanden auf der Welt gibt, nicht mal mich selbst, der das erkennt und weiß, dann sind da Bewusstseinsfunken, Engelwesen, Sternenbrüder und Schwestern oder wie immer man sie nennen will, die diesen Weg gesucht haben, um mich wissen zu lassen, dass sie es wissen. Ich spüre sie. Nehme sie so wahrhaftig wahr wie meine Mutter, seit sie vor fünfzehn Jahren schonmal vorgegangen ist nach drüben.
Ich lese den Absatz nochmal, will nochmal dieses Gefühl auffrischen, das mich dabei überkommt. Das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein... es nie gewesen zu sein...
Wir wissen, wer dies liest. Wir wissen es.
Die Dämmerung bricht an. Tränenüberströmt verlasse ich den vereinsamten Strand, presse das Buch an mich wie einen kostbaren Schatz und kehre zu meinem Bungalow zurück.
Ein Lied an den Ozean
Später am gleichen Abend
Nachdem ich mich ordentlich ausgeweint habe, bin ich von einer Zufriedenheit erfüllt, die nicht nur mit dem Abendessen zusammenhängen kann, das ich mir aus Bratkartoffeln, Avocados und frischem Salat zusammenstelle. Seit langem das Beste, was ich mir gemacht habe.
Dieses Weinen ist ein verdammt gutes Weinen. Es gleicht einer Sturmflut, die alle Dämme mit sich fortreißt, um deren Trümmer in den ewigen Jagdgründen der Neptun’schen Tiefsee zu Diamanten zu zerquetschen.
Ich muss einfach nochmal raus ans Meer, zu den Sternen. Als ich mich auf den Weg mache, werde ich von einem kichernden Pärchen ungefähr in meinem Alter überholt, das ich schon früher am Strand bemerkt habe. Komplett mit Kissen bewaffnet und in Decken gehüllt, sausen die zwei vor mir her zum Strand.
Ich muss ein bisschen lachen und freue mich für sie, wie sie sich den kleinen Weg die Steilklippe hinauf davonmachen wie verliebte Teenager auf Klassenfahrt.
Der Sternenhimmel scheint unendlich am kristallklaren, dunkelblauen Horizont, während die schaumgekrönte Flut mit Donnern und Rauschen den Strand zurückzuerobern beginnt. Ich lasse mich zurücksinken, erstaunt über die vollkommene Ruhe, die sich plötzlich in mir ausgebreitet hat. Nein, nicht nur Ruhe, noch was anderes, total Ungewohntes. Gelassenheit. Das ist es. Ha. Verrückt.
Während ich in die Sterne schaue und dem Rauschen der Wellen lausche, lasse ich mich hineinfallen, in dieses süße, unbekannte Gefühl. Gelassenheit. Weil Zuversicht. Vertrauen. Erkenntnis. Erinnerung. Bestimmung.
Ich bin völlig außerstande, das, was ich da spüre, in Worte zu fassen. Aber eins ist klar: Es hat sich was verändert. Und zwar gewaltig. Als hätte ich eine Rüstung gesprengt, ein tiefsitzendes Geschwulst zum Platzen gebracht, den verfluchten Ring der Macht samt Gollum in die ewigen Feuer des verdammten wie hieß er noch Bergs gepfeffert, und seinen Bann gebrochen.
Ich bin frei. Meine Perspektive hat sich komplett verschoben. Ich sehe die hundsmiserabel verpackten Geschenke des Universums. Ernsthaft, sowas will echt keiner unter seinem Weihnachtsbaum liegen sehen. Deshalb werden sie so unterschätzt, denn erst wenn man sie auspackt, kommen die unbezahlbarsten Schätze aus ihnen zum Vorschein. Alles verrückt. Im buchstäblichen Sinne. Eine Weile sitze ich einfach da, lasse mein Leben Revue passieren – durchdringe - erkenne – vergebe – und packe Geschenke aus.
Irgendwann stehe ich auf und gehe am Wasser spazieren, spiele mit den Wellen, und irgendwann beginne ich einfach, zu singen. Nicht mit Worten. Nur eine Melodie. Sie klingt Auf und Ab, mal wild, mal sanft, mal spielerisch mit dem Rhythmus der Meeresströmung tanzend strömt sie aus mir heraus, obwohl ich ihren Quellort nicht kenne. Später werde ich sie unter der Dusche singen, oder wenn ich am Wasser bin, oder wenn ich Sehnsucht nach dem Meer habe. Das wird mich trösten und es zu mir rufen, weil es meine Verbindung zum Geist der Wassermutter ist. Ich weiß, sie hört mich, denn solange ich singe, tragen die Wellen ihre wortlose Antwort zu mir.
Boah, das muss ansteckend sein, ich hör mich ja auch schon so an.
Aber ehrlich gesagt ist mir das grade vollkommen schnuppe.
Absprachen in Liebe
Am nächsten Morgen
Ich wache irgendwie genauso blumig auf, wie ich eingeschlafen bin, ein seliges Halblächeln im Mundwinkel klebend. Fühlt sich ungewohnt an, und irgendwie ein bisschen dämlich, fast als ob ich frisch verliebt wäre. Nur dass ich da mit einem weit weg durch die Wolken schwebenden Restfetzen meines effektlos gewordenen Verstandes noch ahne, dass die Hirnchemie grade meine Fäden zieht, um mich in das willenlos willige Dummchen zu verwandeln, das mir morgens aus dem Spiegel entgegen grient. Dient wahrscheinlich dazu, den Fortbestand der Art zu sichern. Da kennt die Natur keine Rücksicht auf Verluste.
Irgendwie ist mir heute früh mehr nach Orangensaft als nach Kaffee, weiß der Teufel, was da kaputt ist. Während ich die wunderbar reifen Orangen in Ermangelung einer Saftpresse mit bloßen Fäusten ausquetsche, merke ich, dass ich mich einen Hauch angebruzzelt habe gestern beim Lesen. Aber hey – ich bin auf Gran Canaria, der Heimat der Aloe vera.
Nach meinem Saftfrühstück breche ich zu einem kleinen Spaziergang auf – es zieht mich zu den Freiflächen linker Hand den Strand entlang, wo ich tatsächlich schnell fündig werde: Eine prächtige, alte Aloe mit prallen, dunklen Blättern überstrahlt den ausgedörrten, sandigen Boden, trotzt stolz und aufrecht den mittags locker vierzig Grad in praller Sonne. Als hätte sie mich gerufen, auf mich gewartet.
Ich klettere fix über den verflixten Zaun, mopse ehrfürchtig eines der königlichen Blätter, und schon bin ich wieder unterwegs nach Hause.
In Ermangelung von flotter Lotte oder sonstig zweckentfremdbaren Zerquetschgerätes, muss ich nach dem Ablassen des Alloins in der Blattschale erneut mit bloßen Pfoten ran. Mit Feuereifer murkse ich mein Bestes, doch das Ergebnis lässt sich nur mit viel Diplomatie und gutem Willen allerhöchstens als mittelprächtig bezeichnen. Eine ehrlichere Beschreibung wäre, viel glibberiges Klar vom frischen Ei mit zähen kleinen Aloe-Bröckchen, leicht gelb-grünlich wie schonmal ganz kurz gegessen. Aber wenn’s hilft, rauf auf die Schultern mit der Pampe.
Mit einem verspäteten Kaffee mache ich es mir auf der Terrasse gemütlich, das Buch Gewehr bei Fuß. Links von mir rauscht das Meer, während die großzügigen Wedel einer freundlichen Palme mir ein kühlendes Lüftchen zu fächeln. Die kleine Poolbar dreißig Meter weiter rechts hat noch geschlossen, nur eine Frau in Gelb mit Hut und Buch im Liegestuhl weiter hinten am Pool ist schemenhaft zu erkennen.
Wie schön.
Und jetzt?
Jetzt wüsste ich doch gerne nochmal genauer, was ich da eigentlich gelesen habe. So inhaltlich, meine ich.