Maries Abenteuer - Das geheimnisvolle Ei und die Apotheke des Himmels

Maries Wald-Ausflug

Nach sieben Tagen und Nächten nahezu vollständiger Dunkelheit hatte der Sturm endlich wieder aufgeklart und nichts als verheißungsvoll frische, klare Frühlingsluft zurückgelassen.

So machte sich Marie an diesem Tag im hellen Sonnenschein auf in die weiten Wälder, die die Hütte ihrer Großmutter von allen Seiten umgaben, um ihre wiedergewonnene Freiheit ordentlich zu genießen. Als sie den Waldrand erreichte, drehte sie sich noch einmal um und sog das Bild ihres Zuhauses, das so malerisch in dem kleinen Tal lag, in sich auf.

Wie die alten Bäume einer liebevollen Umarmung gleich das windschiefe alte Häuschen umschlossen, sodass sie es zu beschützen schienen - geradeso wie ein Ei, das beschützt und behütet in seinem Nest ruhte. Jedenfalls kam es Marie stets so vor, und sie konnte nicht verstehen, dass es Leute gab, die sich von Wäldern fernhielten, weil sie Angst vor den wilden Tieren darin hatten.

Nein, Marie liebte all das. All die Pflanzen, Gräser und Bäume, ihre durchdringenden, erdigen Gerüche, den Duft der verschiedensten Blüten und Blumen, und alle Wesen, die darin herum krochen und krabbelten und kletterten und summten und flatterten. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen, Stunde um Stunde durch diese zauberhafte, lebendig-bunte Vielfalt des Lebens zu stromern.

Meist begleitete Oma Hus weißer Kater sie auf diesen Streifzügen, wobei er stets in ihrer Nähe blieb und nur immer mal wieder hier und da in den Büschen verschwand, um diesem und jenem Rascheln oder Fiepsen nachzugehen. Doch er war nie lange fort und kam immer sehr bald zu ihr zurück gesaust. So war es auch an diesem milden Frühlingstag, an dem ganze Heerscharen von Vögeln so herrlich sangen und zwitscherten, dass Marie das Herz überfloss und sie gar nicht anders konnte, als lauthals mitzusingen und zu trällern.

Die Achtjährige war unterwegs zu einem verzauberten kleinen Tal, in dem die beiden Wildbäche, die in tanzendem, funkelndem Rauschen aus den umliegenden Bergen hinuntersausten, sich trafen und zu einem weiten Strom vereinten, um dann in aller Ruhe und Gemächlichkeit, breit und mächtig weiter in die saftigen grünen Ebenen der Welt hinauszufließen. Dort wollte sie sich eine Weile hinsetzen, ihre nackten Füße in das frische, kühle Wasser baumeln lassen, und ihren Proviant mit Flocke teilen. Oma Hu nannte den Kater „Zausel“, aber Marie fand, dass „Flocke“ viel besser zu ihm passte, denn so strahlend weiß und wuschelig, wie er war, sah er tatsächlich ein bisschen wie eine Schneeflocke aus - und wenn diese im Winter in dicken Schichten auf den Bäumen und Hängen lagen, konnte sie ihn manchmal kaum von der Landschaft unterscheiden, wenn sie ihn nach seinem Abendspaziergang zurück nach Hause rief, damit er den Abend mit ihr auf dem kuscheligen warmen Schaffell vor dem tanzenden Kaminfeuer verbringen konnte, wo sie Oma Hus Geschichten lauschte.

Doch als Marie nun dort ankam und ihr Bündel neben den großen Findling legte, der wie die krumme Nase eines gebückt hockenden, trinkenden Riesen in den Fluss hineinragte, stellte sie fest, dass Flocke bereits ungewöhnlich lange nicht mehr an ihrer Seite war. Verwundert sah sie sich nach allen Seiten um, doch sie konnte ihn nirgends entdecken. Sie runzelte die Stirn und stemmte die Arme in die Hüften, genau wie Oma Hu es immer tat, wenn sie versuchte, streng mit ihr zu sein, weil sie mal wieder für irgendeinen Tumult gesorgt hatte. Was ihr jedoch nicht besonders gut gelang, denn schon beim ersten Lidschlag begann es, in ihren Augen verschwörerisch zu funkeln und zu blitzen, und das verriet Marie sofort, dass ihre Omi gar nicht wirklich ärgerlich war.

Aber dass Flocke einfach nicht zu entdecken war, das war nun doch seltsam. Marie rief ein paar Mal nach ihm, doch Antwort hörte sie keine. Flocke war üblicherweise ein ziemlich redseliger Kater, der ihr gerne lang und breit von seinen Abenteuern berichtete und ihr stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Marie fand es seltsam, dass die Leute immer behaupteten, Tiere könnten nicht sprechen. Mehrfach hatte sie sich bereits an Erklärungen versucht, denn sie müssten doch nur richtig zuhören, um zu verstehen, was die Tiere zu ihnen sagten. Doch dafür hatte sie immer nur verwunderte Blicke oder sogar Lachen geerntet, so als hätte sie etwas völlig Undenkbares und Unsinniges gesagt.

Es war schon seltsam mit den Menschen, die meisten von ihnen nahmen nur das wahr, was ihrer eigenen Vorstellung von der Welt entsprach, und für alles, was darüber hinausging, schienen sie blind und taub zu sein.

Ihre Oma Hu jedoch war anders, sie schien irgendwie weniger Mauern in ihrem Kopf zu haben, die ihre Bewegungsfreiheit einschränkten, sozusagen. Sie hörte ihr immer genau zu, und sie hörte auch den Tieren und sogar den Pflanzen stets aufmerksam zu, und sie hatte ihre Ideen und Gedanken noch nicht ein einziges Mal kritisiert oder belächelt.

Marie vertraute ihr voll und ganz, denn sie wusste, dass sie von ihr genau so angenommen und geliebt wurde, wie sie war. Sogar dann, wenn sie mal aufmüpfig oder einfach knatschig war. Und das war eine mächtige Erleichterung und eine Wohltat - ja, genau genommen war es das schönste Geschenk, das Marie in ihrem jungen Leben überhaupt je bekommen hatte. Dass sie nun bei Oma Hu leben durfte, die sie verstand und ernst nahm, die sie nie belehrte und sie in den drei Jahren seither doch mehr gelehrt hatte, als irgendjemand anders es je getan hatte, der sich vor ihr aufbaute und schulmeisterlich hochtrabende Reden schwang, um ihr diesen unerträglichen »Ernst der Lebens« einzubläuen.

Flockes Entdeckung

Das waren schöne Gedanken, es machte Marie immer glücklich, an ihre Oma zu denken. Doch nun war es Zeit, ins Hier und Jetzt zurückzukehren, denn Flocke war immer noch nicht wieder aufgetaucht. Also schloss sie die Augen und lauschte einfach einen Augenblick lang dem munter rauschenden und sprudelnden Wasser und den Geräuschen des Waldes. Und als sie ganz von ihnen durchdrungen war, schob sie sie eoinfach ein Stück in den Hintergrund, damit sie hören konnte, was sich dahinter so tat.

Sie rief noch einmal nach Flocke, aber diesmal tat sie es nicht laut mit ihrer Stimme. Stattdessen schickte sie einfach einen inneren Ruf zu ihm, wie einen Lichtstrahl aus ihrem Herzen. Tief sandte sie ihn in den Wald hinaus, um Bäume und Unterholz nach dem Kater zu durchstreifen. Da, zwischen all dem Wimmeln und Wuseln all der vielen kleinen Tierchen, die im Wald lebten, konnte sie ihn plötzlich deutlich hören. Tatsächlich hörte sie ihn sogar so laut rufen, dass sie sich wunderte, wie ihr das vorher hatte entgehen können. Sein Ruf hatte außerdem etwas eindeutig Drängendes und Dringliches. „Komm schnell, Marie,“ rief er ihr zu, „ein Notfall, wir müssen helfen!“

Marie öffnete die Augen und stellte überrascht fest, dass sich wie aus dem Nichts ein dunkler Schleier über die Welt gelegt zu haben schien, wie ein Nebelschleier, der plötzlich alles beschwerte und zu erdrücken schien. Doch ihr blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern. Schon rannte sie los, geführt von Flockes Ruf in ihrem Herzen und einem feinen, leichten Pfad aus hellem Licht, der sich vor ihren Füßen auftat wie von Glühwürmchen beleuchtet, und der ihre Schritte lenkte, über Moos und Steine den Hang hinauf mitten in den Wald hinein. Schon bald keuchte sie vor Anstrengung, begann zu straucheln und zu stolpern, und dann stieß wie sich auch noch den großen Zeh an einem dicken, spitzen Stein, sodass der Schmerz wie ein Funkenschlag durch ihr Bein hinauf durch ihren ganzen Körper raste.

„Geh mit dem Boden, nicht gegen ihn“, hörte sie Oma Hu wie in einer Erinnerung in ihrem Kopf sagen, also blieb sie kurz stehen und atmete tief durch. Sie stellte sich mit beiden Beinen fest auf die Erde, spürte in ihre Füße hinein und fühlte, wie sicher der Boden sie hielt und trug. Beinahe schien es, als würde die Erde zu ihr flüstern, ihr irgendwie versichern, dass sie sie rechtzeitig ans Ziel bringen würde, ohne dass sie sich abplagte und hetzte.

Bestärkt öffnete Marie ihre Augen, und schon rannte sie erneut los - ein bisschen langsamer zwar, aber dafür achtsamer und kraftvoller, und schon bald bemerkte sie, dass sie auf diese Weise sogar schneller vorankam.

„Es schadet doch nie, auf Oma Hus Rat zu hören“, dachte Marie bei sich, während sie immer höher stieg, „wenn sie sich schon die Mühe macht, einen Hinweis zu geben, dann ist da einfach immer was dran.“

Als sie eine Gruppe dicht beieinanderstehender Tannen umrundet hatte, tat sich eine Schneise vor ihr auf – das musste die Stelle sein, an der im letzten Winter eine gewaltige Lawine ins Tal hinuntergerauscht war – hörte sie Flocke wieder, und diesmal sogar ganz normal und gewöhnlich mit ihren Ohren. Es konnte also nicht mehr weit sein.

„Aaaaachtung!“, rief der Kater laut. Und obwohl das für andere Leute wahrscheinlich nur wie ein ganz gewöhnliches Miauen geklungen hätte, verstand Marie sofort, was er ihr sagen wollte.

Endlich sah sie ihn winzigklein in der Ferne aus dem Nebel auftauchen – und erstaunlich schnell größer werden. Wie ein geölter Blitz raste Flocke einem kleinen Objekt hinterher, das sie noch nicht erkennen konnte, jedoch im Sonnenschein funkelnd und leuchtend vor ihm her den Hang hinunterkollerte und bollerte. So schnell hatte Marie den Kater noch nie rennen sehen, nicht einmal dann, wenn er Mäusen und Vögeln nachjagte.

„Es ist zu schnell, ich erwisch es nicht! Fang es auf!“, rief Flocke wild maunzend. Doch das kleine Objekt, das er jagte, sauste mit einer so irrwitzigen Geschwindigkeit den Hang hinunter, dass es ihr fast wie eine fliegende Kanonenkugel vorkam.

Rasch blickte sie sich um und überlegte fieberhaft, wie sie es wohl auffangen könnte, ohne von seinem Schwung mitgerissen und den Hang hinunter geschleudert zu werden. Da, gleich hinter ihr standen zwei schlanke Fichten, die genau zwischen der Rollbahn liegen müssten! Mit fliegenden Fingern löste Marie ihre Schürze – diese Schürze hatte vier Bänder, sodass sie gleichzeitig als Tasche zum Sammeln von Kräutern, Beeren und Pilzen Verwendung fand, indem sie die unteren Bänder ebenfalls um ihre Hüfte wand - und band sie in Windeseile zwischen den Bäumchen fest, sodass sie wie ein Fangnetz zwischen ihnen aufgespannt war. Sie knüpfte den letzten Knoten und konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, als das Geschoss auch schon auf sie zugerast kam, Kater Flocke in wilder Jagd ihm hinterher.

Erleichtert erkannte sie, dass sie gut geschätzt hatte, und das Objekt – ein großes, schillerndes Ei, wie sie jetzt sah – genau in der Mitte der Schürze landen sollte. Daumen fest gedrückt!

Und tatsächlich – das Ei landete exakt in der Mitte der Schürze. Nur blieb es leider nicht, wie erhofft, sicher und geschützt darin liegen. Die jungen Bäumchen bogen sich unter der Schwungkraft des Eis weit nach hinten, nur um dann wieder in ihre ursprüngliche Position zurückzuschnellen, wodurch die Schürze wie eine gespannte Schleuder reagierte und das Ei wieder den Hang hinauf katapultierte.

Marie riss die Augen auf, raffte ihre Röcke und machte einen Satz nach vorne, um es aufzufangen, ehe es beim Aufprall zerschellte. Kater Flocke schien das Gleiche im Sinn zu haben, sodass sie beide im Lauf zusammenstießen. Sie taumelten umher und reckten sich mit Händen und Pfoten nach dem fliegenden Ei. Marie gelang es gerade so, es mit ihren Röcken zu erreichen, ehe es zu Boden gefallen und zersprungen wäre. Doch dabei hatte es noch immer so viel Schwung, dass es erneut hochgeschleudert wurde und aus ihrem Rock in die Luft hinauf federte!

Kater Flocke reagierte augenblicklich. Er stellte sein Fell auf, tat einen Satz, rollte sich mitten im Sprung in der Luft zusammen, und landete wie eine flauschige Fellkugel exakt an der Stelle, an der das Ei auftraf. Es landete mit solcher Wucht mitten auf seinem kuschelig-weichen Bäuchlein, dass es dem Kater mit einem Stoßseufzer alle Luft aus den Lungen trieb - doch endlich, endlich blieb es liegen.

Marie fiel ein Stein vom Herzen. Japsend und keuchend ließ sie sich neben dem Nest-artigen Fellknäuel zu Boden sinken und stöhnend nach hinten fallen. Während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen, kuschelte Flocke sich schützend um das Ei herum und begann, ganz entspannt zu schnurren, als ob nichts geschehen wäre. Als die Sternchen vor Maries Augen endlich zu funkeln aufhörten, richtete sie sich auf, strich zart über das Fell des Katers und betrachtete voller Neugier den ungewöhnlichen Fang, den sie beide da gemacht hatten.

Das Ei war groß, etwa halb so groß wie ein Kürbis, und schien auf den ersten Blick ganz weiß zu sein. Doch als sie es näher betrachtete, sah sie, dass es das Sonnenlicht in bunten Farben reflektierte. Wie irisierende Regenbögen tanzte das Licht auf der perlmuttfarben leuchtenden, glatten Schale.

„Na, da haben wir aber Glück gehabt, was?“, meinte sie zu Flocke. „Es ist ja geradezu ein Wunder, dass es nach dieser wilden Fahrt nicht in Tausend Stücke zerschellt ist.“

Sie fuhr sanft mit einem Finger über das Ei. Erleichtert spürte sie eine pulsierende Wärme von ihm ausgehen. Es hätte sie nicht gewundert, wenn es sich im Inneren in rohes Rührei verwandelt hätte, aber das schien glücklicherweise nicht der Fall zu sein. Doch was auch immer für ein Wesen darin wohnen mochte, es musste inzwischen wohl arge Kopfschmerzen haben.

Sanft drehte sie es ein bisschen, um es genauer zu untersuchen, und da bemerkte sie den langen, feinen Riss, der sich in der Schale auftat und immer größer zu werden schien. Ein Schrecken durchfuhr sie, als sie das sah. Das durfte nicht sein! Nicht nach allem, was es nun schon überstanden hatte, nicht nachdem die Rettung doch beinahe schon geglückt war! Das Kleine durfte nicht sterben, das war ganz ausgeschlossen. Marie weigerte sich ganz einfach, dieser Möglichkeit Einlass in ihr Herz zu gestatten.

Schnell zog sie ein rotes Band aus ihrem Haar und wand damit vorsichtig eine Schleife um das Ei, wie einen stützenden Verband, damit der Riss sich nicht weiter ausbreiten konnte.

Dann begann sie fieberhaft zu überlegen, was sie noch tun könnte, denn viel war damit weiß Gott noch nicht erreicht. Marie fühlte eine heiße Träne ihre Wange hinabrollen. Sie musste sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell. Sie musste das kleine Ei retten - sie musste einfach!

Die Himmelstreppe

Maries Gedanken kreisten weiter verbissen um das verletzte Ei, als sie ein sanftes Streicheln auf ihrer Wange spürte, das einem Engelsflügel gleich ihre Tränen auffing. Und obwohl sie beim besten Willen nicht hätte sagen können, woher sie stammte, weckte diese zarte Berührung sie aus ihrer Verzweiflung und brachte sie wieder zu sich.

Mutloses Gejammer hatte schließlich noch niemandem geholfen, es galt, zur Tat zu schreiten. Doch was für eine Tat sollte das nun sein? Sie würde anders suchen müssen als nur in den wirren Windungen ihres verängstigten Verstandes.

Marie beruhigte ihren Atem, richtete den Blick nach innen und begab sich zu ihrer inneren Schatztruhe. Es wäre doch gelacht, wenn sich darin nicht etwas fände, das ihr weiterhelfen konnte.

Die Truhe mit all den Weisheiten, die sie immer hineintat, wenn sie etwas nicht verstand, das Oma Hu ihr sagte, ihr aber zu wichtig erschien, um es zu vergessen, quoll inzwischen regelrecht über. Wo sollte sie beginnen? Mit Vertrauen, hallte das Echo einer unhörbaren Stimme durch ihre Sinne. Anstatt lange darüber nachzudenken, tat sie es - es geschah einfach, weil sie es so wollte - und gab sich dem Vertrauen hin.

Schon kam wie von selbst Bewegung in die vielen Schriftrollen, die darin lagen, wie bei einer blubbernd kochenden Suppe, in der das Gemüse mal nach oben, mal nach unten gewirbelt wird. Da tauchte eine Rolle an der Oberfläche auf, die heller zu leuchten schien, als all die anderen. Marie streckte ihre Hand danach aus und schon kam das Pergament ihr wie von selbst entgegengeflogen und entrollte sich, sodass lesen Marie konnte, was darauf stand.

„Kein Problem wird jemals ohne seine Lösung in die Welt hineingeboren. Wenn man es näher betrachtet, gibt es so etwas wie Probleme überhaupt nicht, es sind alles immer nur Chancen und Gelegenheiten, über uns selbst hinaus zu wachsen. Wir müssen nur die Ebene des Problems verlassen, indem wir die Angst, den Schrecken und die Sorgen, die damit einhergehen, loslassen. Dann können wir eine Stufe höher hinaufsteigen und die Lage überschauen, so wie der Adler, der die Welt aus seiner himmlischen Perspektive betrachtet, die das gesamte Bild umfasst und sämtliche Hindernisse tief unter sich zurücklässt, indem er einfach ein wenig höher fliegt. Denn dort findet sich immer die rechte Lösung.“

Marie öffnete die Augen und grübelte. Zugegeben, praktisch betrachtet half ihr das im Augenblick nicht sonderlich weiter. Sie wusste die Lösung immer noch nicht. Und doch gaben diese Worte ihr Zuversicht. Sie schenkten ihr eine Ahnung davon, wie sie die Lösung finden könnte, und das war doch schon etwas.

Marie blickte auf Flocke hinunter, der noch immer laut schnurrend zu ihr hoch blinzelte, weich und warm um das verletzte Ei in seiner Mitte gerollt. Sie rückte ganz nah an ihn heran und setzte sich bequem zurecht, wie im Schneidersitz, jedoch mit den Beinen um den Kater herum, und legte ganz sanft und vorsichtig beide Hände auf das verletzte Ei.

Kurz bevor sie die Augen erneut schloss, sah sie kleine Lichter in der Ferne aufblitzen, die durch den wabernden Nebel sanft schwebend auf sie zuzukommen schienen. Doch ihr blieb keine Zeit, sich weiter darüber zu wundern, und so konzentrierte sie sich.

Über mich hinaus wachsen… eine Stufe höher hinauf…, flirrten die Worte in ihrem Geist umher, während sie, Atemzug für Atemzug, immer tiefer in einer großen Ruhe und einem Gefühl vollkommener Geborgenheit versank.

Gelegenheiten… Lösungen… hinaus wachsen… hinauf reichen… Da sah sie plötzlich, wie sich aus dem Nebel ihres immer stiller werdenden Geistes, eine große, weißgolden funkelnde Wendeltreppe vor ihr abzuzeichnen begann. In breiten, flachen, offenen Stufen wand sie sich in unzähligen Spiralen in den Himmel hinauf. Sie konnte ihr Ende gar nicht erkennen, denn die leuchtende Treppe verschwand hoch oben in den Wolken. Bei der Vorstellung, dort ins Unbekannte hinaufzusteigen, spürte Marie eine leichte Unruhe in sich.

Doch die tröstliche Wärme des Katers und die Not des kleinen Eis verliehen ihr den richtigen Mut. Sie fasste sich ein Herz, hob Flocke samt dem Ei sanft in ihre Arme und setzte tapfer einen Fuß auf die erste Stufe. Als hätte sie sich auf die Taste eines überdimensionalen Klaviers gestellt, ertönte ein singender Klang, der ihren ganzen Körper sanft zum Vibrieren brachte. Es war ein tiefer, warmer Ton, der sie ganz mit Vertrauen erfüllte. Wie wundersam, dachte sie, als sie den zweiten Fuß auf die nächste Stufe setzte und erneut ein Ton erklang, der ein klein wenig höher in den Nachhall des ersten Tons hineinfloss, doch noch immer tief und warm und üppig. So müsste sich der Herzschlag der Erde anhören, dachte Marie, und setzte ihren Aufstieg mit wachsender Zuversicht fort.

Immer höher und höher stieg sie hinauf, und mit jedem Schritt und jeder Stufe ertönte ein neuer Klang, stets ein klein wenig höher und heller als der Vorherige, um sich in die wundersam entstehende Melodie einzuschmiegen. Von dieser zauberhaften Musik begleitet, durchschritt sie die dichte Wolkendecke und stieg hinauf in die Weiten des Himmelszelts.

Obwohl eine kleine Stimme in ihrem Kopf sich darüber wunderte, kam es ihr doch auch ganz natürlich vor, als sie den Windungen der Treppe immer höher folgte, bis sie an Mond und Sonne vorbeispazierte und eine Vielzahl von Sternen und Planeten überall hinter und neben sich ließ, bis die Treppe sie schließlich mitten in eine helle Nebelwolke hineinführte, die violett und golden schillerte. Und dort, am Portal eines gewaltigen, zweiflügeligen Tores, endete sie plötzlich. Nachdem Marie nun schon so weit gekommen war, zögerte sie nicht lange. Sie verlagerte Kater und Ei so weit, dass sie einen Arm unter ihnen hervorziehen konnte, und klopfte an das Tor, ohne zu ahnen, wohin und zu wem es sie wohl führen würde.

Aithon und die Apotheke des Himmels

Plötzlich schwangen die beiden Flügeltüren nach innen auf, und ein großer, weiter Raum tat sich vor Marie auf. Er schien in dieser Nebelwolke zu schweben, und tat sich zu einer großen, fast unwirklich scheinenden, funkelnden und flirrenden Höhle auf. An den durchscheinenden Wänden konnte sie bunte Kristalle und aller Art sonderbare Zeichen erkennen, die wie mit Goldfarbe gemalt aussahen und sich, genau wie die Wände selbst, in einem fort fließend bewegten und veränderten, um sich zu neuen, unbekannten Figuren und Zeichen zusammenzusetzen. Vorsichtig setzte Marie einen Fuß in die Höhle hinein. Voller Staunen beobachtete Marie, wie sich eine Brücke unter ihren Füßen abzuzeichnen begann, der durch den sanften Nebel hindurch führte. Mit jedem Schritt, den sie weiterging, leuchtete es hell unter ihr auf, als hätte sie flüssiges Licht unter ihren Füßen, das sie beim Auftreten wie hübsch leuchtende kleine Pfützen auf diesem Pfad verteilte.

Als sie wieder aufsah, entdeckte sie, dass der Nebel sich lichtete und eine Gestalt vor ihr mehr und mehr an Konturen gewann. Sie stand hinter einer Art Tresen, der aussah, als sei er aus knorrigem Holz ganz natürlich in dieser Form zusammengewachsen. Als sie näherkam, erkannte sie, dass es tatsächlich große, alte Bäume waren, die dort wuchsen, und deren Wurzeln und Äste sich ineinander verschlungen zu diesem Tresen vereinten. In ihren gewundenen Ästen und Zweigen darüber, dahinter und zu den Seiten, fanden sich unzählige kleine Zwischenräume, die als Ablagen dienten und in denen die erstaunlichsten Dinge lagen. Vogelnester, Tierhörner und Krallen, versteinere Zähne, abgelegte Schlangenhäute, Libellenflügel und dergleichen mehr entdeckte sie darin. Es gab auch allerlei Gefäße, Schalen und Kistchen, kleine Flaschen, Gläser und Phiolen, und wo sie durch sie hindurchsehen konnte, erkannte sie bunte, tanzende Nebel darin, funkelnde Lichter, winzige Regenbögen, gefrorene Wassertröpfchen, wallende Dämpfe und brodelnde Flüssigkeiten, von denen sie unmöglich hätte sagen können, was sie wohl waren.

Wo die Baumkronen begannen, verzweigten sich die Äste nach allen Seiten und umschlangen einander, als wollten sie ihre Nachbarn an den Händen halten. Aus anderen Zweigen wiederum sprossen bunte Blätter, Blüten und Früchte, und sie alle waren einzigartig in Größe, Form und Farbe, und wunderschön anzusehen.

Staunend blieb Marie vor dem Tresen stehen, versunken in dieser Pracht, bis Flocke schließlich ein leises Brummen von sich gab, um sie aus ihrer Starre zu wecken. Endlich sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem Wesen hinter der Theke zu, das - Heiliges Kanonenrohr! - durchfuhr es sie bei seinem Anblick - wahrlich nicht weniger erstaunlich war, als all die vielfältigen Wunderdinge, die sie hier überall umgaben.

Während sie die Gestalt eingehend betrachtete, hätte sie unmöglich sagen können, was das für ein Wesen war, denn das einzig Beständige an ihm war, dass es sich stetig veränderte. Es geschah ganz fließend - mal schien es sich zu schlängeln und zu winden, wie eine gewaltige Boa, dann sprossen Flügel aus seinen Schultern hervor, es wurde fülliger und größer, wie ein schuppiger geflügelter Bär, der immer pelziger wurde und grinsend seine scharfen Reißzähne zeigte. Doch schon veränderte es sich abermals, bekam etwas Echsenartiges, entwickelte ein gewaltiges, langes Maul, dem Kopf entwuchs ein gewundenes Horn, seine Haut glättete sich und es bekam eine kraftvolle Pferdegestalt. Dann teilte sich das Horn in wuschelige Ohren, und seine Backen blähten sich auf, wie die einer Kröte. Und so ging es immer weiter, von einer Gestalt zur nächsten, niemals innehaltend, niemals ein komplettes Tier, das Marie aus ihrer Welt kannte, ständig im Übergang begriffen und sich selbst neu erschaffend.

Seltsamerweise fühlte sich das auch für Marie ganz natürlich und kein bisschen unruhig an. Nein, es war faszinierend. Eine große Kraft und unfassbare Macht gingen von ihm aus, die sie sicherlich eingeschüchtert hätte, doch zugleich strahle es auch eine unendlich große Güte aus, die sie liebevoll umfing, wie Oma Hus Hütte. Sie wusste einfach, dass ihnen hier kein Unheil drohte und sie hier willkommen waren, fühlte es mit Gewissheit tief in ihrem Herzen, ohne zu wissen, warum sie es wusste.

So tat sie tapfer die letzten Schritte und trat vor dieses Wesen hin, das sie aus großen Kulleraugen interessiert musterte. Marie blickte tief in diese Augen, deren Pupillen ebenso geschäftig ihr Aussehen veränderten, wie alles andere an ihm. Die runden Kugeln zogen sich zu langen Schlitzen zusammen, teilten sich dann wie Seifenblasen in zwei Pupillen auf, bekamen Sprenkel und verwandelten sich in Facettenaugen, wie die Fliegen sie haben, woraufhin sie zu Regenbogen-Spiralen ineinanderflossen… Marie beobachtete dieses Spiel wie hypnotisiert und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie sagen und wie sie das Wesen überhaupt ansprechen sollte. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, um sich dem Bann dieses Blicks zu entziehen, schluckte fest und begann schließlich, unzusammenhängend zu stammeln und zu drucksen, was das Wesen offenbar leicht belustigt zur Kenntnis nahm.

Was ist dein Begehr?, dröhnte es schließlich. Nein, vielmehr flüsterte es, oder hatte es gezischt? Marie konnte es nicht sagen, denn die Stimme veränderte sich nicht nur, während es sprach, sondern auch im Nachhall ihrer Worte, ja sogar noch in ihrer Erinnerung, als die Worte längst verflogen waren.

Doch noch etwas war seltsam, und Marie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was es war – das Wesen hatte beim Sprechen seinen Mund nicht bewegt. Sie hatte ihn nur innerlich gehört, in ihrem Kopf, und das so, als ob sie sich nur erinnerte, dass er eben gesprochen hatte.

„Ähm…“, war daher alles, was ihr schlauerweise zur Erwiderung einfiel, und erneut war es Flocke, der sie ein wenig zur Besinnung brachte, indem er mit den Pfoten ihre Brust zu kneten begann, mit einem kräftig schnurrenden ›Brrr!‹ zu ihr aufsah und ihre Aufmerksamkeit auf das zu lösende Problem zurücklenkte, indem er das Ei mit dem Schnäuzchen anstupste und sanft mit seiner rauen Zunge darüberfuhr, wie um es zu putzen.

„Ich… also, wir… äh… das Ei…“, stammelte Marie. Ärgerlich über sich selbst, stampfte sie fest mit den Füßen auf, nahm einen tiefen Atemzug, und brachte endlich hervor: „Das Ei braucht dringend Hilfe, es ist verletzt und wird sicher sterben, wenn wir seine Schale nicht reparieren können, kannst du bitte irgendetwas tun, um es zu retten?“ Keuchend rang sie nach Luft, als das heraus war, so schwer war es ihr gefallen, diesen einen zusammenhängenden Satz auszustoßen.

Dann sah sie mit großen, bittenden Augen zu dem Wesen auf, das gerade im Begriff war, seine runden Mauseöhrchen in lange Hasenlöffel zu transmutieren, während sein zuvor dürrer Leib immer runder und stacheliger wurde und ihm ein getigerter Puschelschwanz wuchs.

Die Absicht und die Tat sind recht, brummelte es zur Antwort zirpend, drehte seinen Kopf komplett nach hinten herum wie eine Eule, und breitete zwei große Bärentatzen aus, die zu langen schlanken Fingern wurden und Gesten vollführten, als wollten sie etwas zu sich locken.

So mag der Preis sich alsbald als Geschenk erweisen, fügte es rätselhaft hinzu.

Die Heilung des kleinen Eis

Das erstaunliche Wesen drehte seinen Kopf immer weiter, bis dieser eine komplette Wendung vollführt hatte. Dann richtete es seinen Blick auf Marie und bedeutete ihr mit ausgebreiteten bunten Schwingen winkend, das Ei näher vor seine glubschenden Fischaugen zu halten.

Marie gehorchte und streckte ihm beide Arme entgegen, sodass sie ihm das verletzte Ei mitsamt dem Kater, der noch immer wie ein flauschiges Kissen darunter lag, direkt unter den Rüssel halten konnte, was Flocke jedoch nicht im Mindesten zu stören schien. Schon zerfederte der Rüssel des Wesens in eine Vielzahl kleiner Fühler, die sogleich behutsam über das Ei hinweg glitten, an ihrem Ende winzige Händchen, die es sanft und sorgsam betasteten. Dabei schien sein Gesicht im Dunkeln zu liegen, fast als sei es nur ein buntes Zauberbild aus Licht und Schatten und gar nicht wirklich vorhanden, obwohl es ihr jetzt doch so nah war.

Es brummelte und grummelte unverständlich vor sich hin, bis sein Antlitz schließlich aufleuchtete wie ein gewaltiges Glühwürmchen, worauf es einen zufrieden schnurrenden Laut ertönen ließ. Dann schnipste das Wesen mit zwei Klauenfingern, woraufhin ein wahres Feuerwerk aus den Bäumen und Zweigen herniederging. Blüten ließen ihre zarten bunten Blätter herabwirbeln, Früchte sprangen auf und ließen funkelnde Samen und Safttröpfchen herabrieseln, leuchtende Symbole lösten sich von den Wänden und flogen herbei, Kristalle erstrahlten in den buntesten Farben und ließen feinste Lichtpartikel zu ihr zuströmen. Bunte Federn, Tautropfen, ein Späuzchen Lava aus einem winzigen Vulkan und kleine Planeten sausten aus den Regalen, und all dies und noch viel mehr vereinte sich zu einem stürmischen Wirbel, der wie eine Windhose um Marie, Flocke und das Ei herumwirbelte, und Haar und Fell wild zum Flattern brachte. Dabei klingelte und zirpte, sang und klang es in Tausenden Tönen, Stimmen und Geräuschen, wie in einem überirdischen Orchester, dessen Dirigent dieses Wunderwesen war.

Dieses hatte nun die Augen geschlossen und seine Gestalt wandelte sich so schnell, dass Marie mit den Augen nicht mehr folgen konnte. Es begann, ganz tief in sich drinnen einen tiefen, dröhnenden Klang zu erzeugen, der ganz ähnlich diesem Ton der Erde war, den sie bereits von der Wendeltreppe kannte, und sich mit all den anderen vielfältigen Klängen der Zauberdinge in der Wolkenhöhle vereinte und verwirbelte, bis er sie sanft zu halten und zu tragen schien.

Da spürte Marie sich mit einem Mal sanft emporgehoben und gehalten, wie von einer flauschigen rosa Wolke. Und trotz des unfassbaren Zaubersturms, der so vielgestaltig um sie herum tobte, fühlte sie sich vollkommen ruhig und sicher. Sie hätte bis in alle Ewigkeit dort verweilen und dieses Wunder bestaunen können, so faszinierend war das Spektakel und so wohl fühlte sie sich dabei. Da merkte sie, dass sie selbst auch summte, während Flocke schnurrte und brummte und dass auch dies sich in wunderbarer Weise in das Konzert einfügte.

Marie hätte nicht sagen können, ob Minuten oder Tage vergingen, sie wusste nur, dass sie sich rundum geborgen und glücklich fühlte. Doch irgendwann wurden die vielfältigen Klänge nach und nach immer leiser und sanfter.

Sie schreckte auf, als das Wesen plötzlich laut und hallend in die Hände klatschte – oder waren es Pfoten? - und schon zog sich der gesamte Wirbelsturm, mit allem, was darin umher tanzte zusammen, bis er winzig klein war. So klein, dass er in einem Fingerhut Platz gehabt hätte, und nun wie ein Kreisel auf der Handfläche des Wesens umherwirbelte.

Es beugte sich vor und ließ die winzige Windhose auf das Ei hinüberspringen, genau am oberen Ende des Risses. Von dort wirbelte der heilsame kleine Zaubersturm den gesamten Spalt in der Schale entlang, wobei er immer noch kleiner und kleiner wurde, bis er sich am unteren Ende des Risses schließlich vollständig aufgelöst hatte. Auf seinem Weg hatte er eine zart durchscheinende, goldene Spur hinterlassen, die die Eierschale nun wie mit Klebstoff zusammenhielt und golden funkelte und glitzerte.

„Oh…“, sagte Marie.

Hmhmhmmm, sagte das Wesen.

Brrrrr, sagte der Kater, und ließ vorwitzig seine raue Zunge über die glitzernde Spur auf dem Ei schnellen. Offenbar keine allzu angenehme Erfahrung, denn er jetzt riss er die Augen auf, sträubte sein Fell und streckte weit die Zunge heraus. Marie konnte gerade noch erkennen, dass eine feine goldene Lichtspur zurückgeblieben war, die bunte Blubberblasen auf den Widerhaken seiner Katzenzunge auf und ab hüpfen ließ, ehe Flocke mit beiden Pfoten versuchte, das wilde Geprickel davon herunter zu wischen.

Es ist noch nicht trocken, verrückter Katzenkerl!, rief ihr Gastgeber stöhnend, und blickte Marie dabei mit weit aufgerissenen Augen an, in denen seine vielfachen Pupillen nun wie bunte Gummibälle wild umeinander her sprangen.

Das sah so schon komisch aus, und obendrein erinnerte sein Gesichtsausdruck Marie an Oma Hu, wenn sie versuchte, streng zu sein. Sie konnte sich einfach nicht zurückhalten und brach in glucksendes Lachen aus. Sie lachte so sehr, dass ihr die Tränen kamen, und darin löste sich die ganze Anspannung und die Sorgen auf, die sich während dieser verrückten Erlebnisse in ihr gesammelt hatten. Irgendwann fiel sogar das merkwürdige Wesen hinter der Theke in ihr Lachen ein. Es donnerte und kicherte und grunzte und seufzte dabei so sehr, dass es Marie zu immer neuem Lachen anstachelte, sodass die beiden eine wunderbare kleine Ewigkeit nichts anderes taten, als nach Herzenslust ihren köstlichen Lachanfall zu genießen.

Als er schließlich verebbte, ließ Marie sich seufzend nach hinten plumpsen. Erstaunt stellte sie fest, dass sie auf einer Wolke ruhte, die wie rosafarbene Zuckerwatte aussah, und der inzwischen wieder zufrieden schnurrende Kater und das kleine Ei lagen noch immer sicher in ihrem Schoß. Sie fühlte sich durch und durch glücklich und zufrieden, und genoss noch einen Moment lang den Frieden, der sie durchströmte, ehe sie sich schließlich wieder aufrichtete und an das Wesen hinter der Theke wandte.

„Danke“, sagte sie mit leuchtenden Augen zu ihm. „Das war das Aufregendste und Schönste, was ich jemals erlebt habe. Und du hast das kleine Ei geheilt, das werde ich dir niemals vergessen.“

Das Wesen, das gerade sehr bärig und wuschelig aussah, betrachtete sie lächelnd und nickte leicht mit seinem gefiederten Kopf.

Marie und Aithon - ein wundersames Gespräch

Marie überlegte einen Augenblick, ehe sie es erneut ansprach.

„Wie kann ich dir für deine Hilfe danken? Und wie heißt du denn eigentlich? Es wäre doch sehr schade, wenn ich deinen Namen nicht wüsste, wenn ich später an dich zurückdenke.“

Das sind zwei Fragen auf einmal, sagte es.

„Und du bist ganz viele auf einmal“, antwortete Marie.

Wahr, ließ das sich daraufhin das Wesen vernehmen. Dann wollen wir mal sehen, wie viele Antworten ich dir geben kann.

Es schwang seine rechte Flosse, als wollte es in einem Topf rühren, und eine Schale voll bunter Früchte erschien mitten in der Luft. Und diese dufteten überaus appetitlich.

Freudig überrascht blickte Marie das Wesen fragend an. Es nickte ihr aufmunternd zu und so sie bediente sich, biss in eine leuchtend rote Frucht, dass der Saft nur so spritzte, und stellte fest, dass sie nach Erdbeeren und Ananas schmeckte. Und als sie sich die Lippen leckte, schmeckte sie noch frische Schlagsahne hinterher, die mit einem Hauch feinster Vanille verfeinert war. Die Frucht war unfassbar köstlich. Sie brach ein Stück davon ab und bot es Flocke an, doch der schien genug prickelnde Erfahrungen für einen Tag gemacht zu haben. Er sträubte sein Fell, drehte sich um und rollte sich von ihr abgewandt wieder um das Ei zusammen.

Genüsslich verspeiste sie noch zwei weitere Früchte, von denen eine von leuchtendem Orange war und nach Mangos und Pfirsichen mit Limetteneis und Zimt schmeckte, die andere, die zart cremefarben violett glänzte, erinnerte sie an Heidelbeeren mit säuerlichen Äpfeln mit Zitronenduft. Es verwunderte sie ein wenig, dass diese ebenfalls ganz hervorragend schmeckten, obwohl diese Früchte, einzeln besehen, nicht unbedingt ihre größten Lieblinge waren. Aber in dieser Mischung schmeckten sie einfach ganz fazinobel.

Als sie sich endlich satt und rundum zufrieden fühlte, sah sie gespannt zu dem Wesen auf, das geduldig gewartet hatte, bis sie satt war.

Nun denn, hör mir gut zu, begann es. Denn ich bitte dich, dich in der Zukunft an meine Worte zu erinnern, selbst wenn die Bilder verblassen und dein Besuch bei mir dir wie ein Traum erscheinen mag. Und das ist auch schon die Antwort auf deine erste Frage, denn dies soll dein Dank an mich sein. Glaub mir, Marie, es wird noch von Bedeutung sein.

Marie wunderte sich ein wenig, woher das Wesen wohl ihren Namen kannte, doch dann besann sie sich, um ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Sie schloss kurz die Augen und rief in ihrem Geist eine ganz neue, reinweiße Schriftrolle herbei, auf der sie die Worte des Wesens vermerkte, ehe sie es von Neuem ansah.

Hervorragend, sagte es und lächelte dabei wissend. Es schien tatsächlich zu wissen, was sie da in ihrem Inneren tat.

Ich danke dir für deine Sorgsamkeit, fügte es bestätigend hinzu und lächelte freundlich.

Nun, hob es erneut an, alles im Leben hat seinen Preis, und so auch dein Besuch bei mir. Wisse, dass es den Menschen üblicherweise nicht gestattet ist, hier einzutreten. Denn dieser Ort ist ein Heiligtum der Tiere und der Pflanzenwelt. Ihr Menschenkinder habt eure eigene Himmelsapotheke. Nur deine reine Absicht und dein tatkräftiger Mut waren es, die deine Schritte hierher lenkten und die beiden Flügeltore für dich öffneten. Nur zum Wohle eines Wesens, das diesem Heiligtum angehört, ist es einem Menschen überhaupt möglich, hierher zu gelangen. Ich habe dich beobachtet auf deinem Weg und dein Herz geprüft. Ich fand darin neben der Reinheit deiner Absicht auch die Stärke, die es braucht, um den Preis zu bezahlen, sonst hätte ich dich nicht eingelassen.

Marie schluckte, als sie das hörte. Was mochte das nur für ein Preis sein, den sie würde bezahlen müssen? Ein Preis, für den dieses Wesen sie so eingehend geprüft hatte, würde wohl recht hoch ausfallen. Doch als sie an die Geschehnisse dachte, die zu all dem hier geführt hatten, fand sie nicht den geringsten Zweifel daran in sich, dass sie es jederzeit wieder tun würde, und so war es letztlich ganz gleich, wie hoch die Bezahlung sein würde.

Als sie erneut zum ihm aufsah, nickte das Wesen zufrieden, beinahe so, als hätte es ihre Gedankengänge Wort für Wort mit anhören können.

Da ich also genau um deinen Weg zu mir weiß, weiß ich auch, welche Worte dich hierhergeführt haben. Und da ich das weiß, lass mich dir sagen, dass es sich mit den sogenannten Problemen ebenso verhält, wie mit dem Preis, von dem ich spreche. Mit jedem Preis, den es je zu zahlen gilt, um genau zu sein.

Marie überlegte. Wie war das noch gewesen, was Oma Hu gesagt hatte und was auf der Schriftrolle stand, die sie hierhergeführt hatte? Es gibt keine Probleme, nur Gelegenheiten, und wenn es sich mit dem Preis ebenso verhielt, wie mit einem Problem, dann war der Preis im Grunde… was? Eine Gelegenheit?

Ein Geschenk, sagte das Wesen zur Antwort auf ihre unausgesprochene Frage. Auch eine Gelegenheit, natürlich, wie alles, was geschieht. Von seiner Natur her jedoch vor allem ein Geschenk.

Das verwirrte Marie ein wenig. Wenn der Preis ein Geschenk war, dann kostete es doch gar nichts, und warum hatte sie dann so intensiv geprüft werden müssen, wenn es doch letztlich… umsonst war? Sie konnte nicht mehr richtig folgen, ihr Gehirn verhedderte sich bei diesen Gedankengängen und so schloss sie erneut die Augen und prägte die Worte auf ihre Schriftrolle.

Nicht umsonst, denn dann wäre es ja kein Geschenk. Was umsonst ist, ist zu nichts nutze, das sagt ja schon das Wort. Obwohl es ein dummes Wort ist, denn nichts auf der Welt ist jemals umsonst oder zu nichts nutze. Alles geschieht aus einem ganz bestimmten Grund, ob wir ihn nun kennen oder nicht. Und in dem Moment, in dem wir erkennen, wozu es nützt, wird der Preis zum Geschenk und das Problem zur Gelegenheit.

Marie glaubte schon beinahe, zu verstehen, was er meinte, doch als sie versuchte, nach dem Sinn zu greifen, ihn mit dem Verstand zu sortieren und einzuordnen, entzog er sich ihr, glitschig und schlüpfrig wie ein Fisch. Daher übertrug sie alles schnell auf ihr Pergament, um es nicht zu vergessen.

Eine schöne Methode hast du da erdacht, das Wesen schien ehrlich angetan zu sein.

Und dass du diese Vorgehensweise ganz allein für dich entwickelt hast, zeigt auch gleich, dass es stimmt, was ich dir nun sage: Der Preis wird niemals deine Fähigkeiten übersteigen und er wird stets gerecht und richtig sein, zu deinem Wohl und zum Wohle aller Wesen und aller Welten. Nur du allein entscheidest, wann du ihn zu zahlen bereit bist, um das Geschenk zu öffnen und anzunehmen.

Das klang zwar irgendwie kompliziert, aber auch gerecht, fand Marie. Fleißig schrieb sie weiter alles auf, was das Wesen ihr da sagte, ohne zu versuchen, mit ihrem Verstand zu ergründen, wie es wohl genau gemeint war.

Gut so, mein Kind. Die Erfahrung bringt die Reife und die Wahrheit wohnt im Herzen, nicht im Kopf. Erst wenn beides zusammenkommt, wird geschehen, was geschehen soll, und du wirst bereit dafür sein.

Nun blickte es lächelnd auf ihren Schoß hinab und fuhr mit einer weichen Pfote über ihre beiden Begleiter, die noch immer gemütlich schlummernd gebettet darauf lagen.

Du wirst weder Preis noch Geschenk alleine tragen müssen, denn auch diese beiden hier unterliegen jenem allmächtigen Gesetz. Und sie werden es gerne und aus vollstem Herzen tun, denn sie sind in Liebe mit dir verbunden. Genau, wie sie es jetzt tun, werden sie dich stets begleiten auf deinen Wegen, ob in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Denn deshalb hat der Weg euch zu mir geführt, hierher in die Wolken-Höhle, über die ich wache und die ich hüte, die in Wahrheit jedoch allen Wesen gehört. Es wird eine wundersame Reise werden, und ein großes Abenteuer für euch alle drei. Gemeinsam werdet ihr einst das Schicksal eurer Welt verändern.

Marie klappte der Unterkiefer herunter, dass ihr der Mund offenstand. Das war ja ein Ding! Das Schicksal der Welt verändern? Wie gut, dass dieses Geschenk nicht nur für sie alleine gedacht war, denn das klang nach einer verflixt vertrackten Aufgabe! Vor lauter Staunen hätte sie beinahe das Schreiben vergessen, doch sie fuhr schnell fort, ehe die Worte vor ihr flüchten konnten. Oder sie selbst vor diesen Worten, die ihr so unfassbar, so übermächtig erschienen? Womöglich beides.

Als sie sie dennoch eingefangen und aufgeschrieben hatte und das Wesen nicht in seiner Rede fortfuhr, sah sie zu ihm auf und betrachtete es nachdenklich.

„Bist du Gott?“, fragte sie.

Das Wesen brach erneut in Lachen aus und klopfte sich belustigt auf seine riesigen Heuschreckenschenkel, und da seine Hände gerade wie Entenfüße geformt waren, klatschte es dabei gehörig schallend im Takt zu seinem Lachen.

Mein Kind, so kommen wir denn zu deiner zweiten Frage, sprach es, als es sich wieder beruhigt hatte. Ich bin nicht mehr und auch nicht weniger Gott, als du es bist, oder dein Kater, oder dieses Ei, dessen wahre Natur noch im Verborgenen liegt.

Und was hat das jetzt mit seinem Namen zu tun?, dachte Marie bei sich, und erneut antwortete das Wesen darauf, als hätte es sie genau gehört.

Der Gott, nach dem du fragst, der hat keinen Namen. Jedenfalls keinen, der seinem wahren Wesen entsprechen könnte. Dieser Gott – oder besser, dieses Göttliche, denn es ist weder männlich, noch weiblich, und trägt doch beides in sich – ist die alleinige Quelle und der Ursprung allen Lebens. Und doch lebt es nicht, so wie wir es tun, in den verschiedensten Formen und Farben und Wesenheiten. Es ist einfach nur da. In sich ruhend und sich selbst genug, ohne ein Selbst zu kennen, so wie du und ich, denn es ist alles und nichts, ohne dabei einen Raum einzunehmen, und so ist es immer und auch überall. Es ist reines Bewusstsein. Es weiß, dass es ist, das ist alles und es ist genug.

Marie fragte sich insgeheim, ob sie wohl so dümmlich dreinsah, wie sie sich fühlte, während sie versuchte zu verstehen, was das Wesen da sagte. Dann gab sie es auf und schrieb es erneut nieder. Während sie das tat, ganz ohne darüber nachzudenken, glomm ein Funke in ihrem Herzen auf, der ganz hell und warm wurde, und sie spürte, dass sie die Worte, irgendwie, dennoch verstanden hatte.

Sag mir, Marie, aus diesem Funken des Verstehens in deinem Herzen heraus - kannst du diesem Göttlichen einen Namen geben?

Marie sah ihn mit großen Augen an. Wie sollte sie so etwas bloß benennen? Dem Kater seinen Namen zu geben, das war leicht gewesen, schließlich sah er ja so aus, wie eine Schneeflocke. Und sie verstand auch, warum Oma Hu ihn Zausel nannte, denn zauselig war er ganz sicher auch. Jedenfalls immer dann, wenn er von seinen Waldspaziergängen nach Hause kam, mit kleinen Zweigen und Erdkrümeln und manchmal sogar winzig kleinen Schnecken in seinem Pelz, die sich darin verfangen hatten. Nein, seine Zauseligkeit ließ sich wirklich nicht bestreiten.

Quelle oder Ursprung, wie das Wesen gesagt hatte, das waren wohl noch die treffendsten Bezeichnungen, oder vielleicht noch… Einheit? Sie gab es auf und schüttelte den Kopf.

Doch das Wesen nickte.

Sehr schön, gut gewählt, sprach es. Denn auch Einheit ist eine Bezeichnung, die im Umkehrschluss zeigt, wie wir uns vom reinen Göttlichen unterscheiden, obwohl wir es im Grunde selbst sind. Denn alles, was existiert, in seiner ganzen Vielfalt, wird vom Göttlichen Ursprung auf die Reise geschickt, um zu erforschen und zu erfahren, was es sein kann, wenn es zum Selbst wird, wie auch immer dieses Selbst aussieht – Kater, Kind oder Ei. Es kann alles sein. Und da alles aus dieser Quelle stammt, ist auch alles, was es gibt, stets göttlich. All die lebendige Pracht und Vielfalt, die in all den bekannten und unbekannten Welten existieren, die kann ein Lebewesen sich nicht ausdenken und aus sich selbst heraus erschaffen, das es ja nur ein Teil des großen Ganzen ist. All dies entsteht erst in dem Moment, in dem es die Quelle verlässt, und bleibt doch untrennbar mit ihr verbunden. So entsteht die Vielfalt des Lebens. Indem das Göttliche auf Reisen geht.

„Das meintest du also damit, als du sagtest, du bist nicht mehr und nicht weniger Gott als ich, das Ei oder Flocke.“

Genau so ist es. Sieh dich um, erklärte das Wesen mit einer Geste, die den gesamten Raum zu umfassen schien. Sieh dir diesen Baum hier an, und die Frucht, die an ihm hängt. Ist diese Frucht der Baum, weil sie mit ihm verbunden ist?

„Nein…“, sagte Marie zögerlich und fügte nach einem Augenblick hinzu, „aber der Baum steckt in ihr, in ihren Kernen oder Samen!“

Ganz genau so ist es, du hast es verstanden. Und so, wie der Baum in jeder einzelnen dieser Früchte ruht, und die Früchte wiederum in den Armen des Baumes, so ruhen auch wir in untrennbarer Verbindung in der göttlichen Quelle und die göttliche Quelle in uns. Ursprung und Form - also etwa dein und mein Körper, der Kater, das Ei, oder wie hier in unserem Beispiel, die Früchte des Baumes - sind eins, da die Form der Quelle entstammt und ohne sie nie in die Existenz gebracht werden könnte.“

Das war schlichtweg überwältigend. Marie hätte nicht beschreiben können, was nun in ihr vorging, und warum und auf welche Weise sie überhaupt verstehen konnte, was das Wesen da sagte. Denn letztlich bedeutete das ja, dass sie selbst Gott war, oder besser, göttlich. Kein gestrenger alter Mann, der in den Wolken thronte und auf Strafe sann, wie der Dorfpfarrer es so gerne darstellte, wenn er sonntags auf der Kanzel stand und wütend predigte. Dann war es ja gar nicht notwendig, überhaupt in die Kirche zu gehen, um Gott zu begegnen, denn der war ja überall und in allem, und längst nicht nur dort!

Sogar wenn es nichts anderes gäbe außer ihr selbst, würde es immer noch völlig ausreichen, sich nach innen zu wenden und auf ihren eigenen Kern zu besinnen. Dann wäre sie schon ganz und gar mit dem Göttlichen verbunden, ganz ohne in verstaubten Büchern lesen oder alten Nonnen nacheifern zu müssen, die stets behaupteten, Gott so viel näher zu sein, als all die anderen Menschen. Und die vielen verschiedenen Religionen, die wären dann ja ganz unsinnig! Denn sie hätten zwar alle irgendwie recht, würden dabei aber auch alle völlig falschliegen in ihrer Behauptung, den einzig wahren Gott zu kennen, mit all seinen Regeln und dem einen wahren Namen… der ja überhaupt gar nicht existieren konnte!

Das Wesen lachte kurz und freudig auf. Dann zog es sich eine lange Feder aus seinem prächtigen Pfauenschwanz, wand sie mit einer erstaunlich geschickten, spitzen Kralle behände um Maries offene Haare und steckte sie damit an ihrem Hinterkopf fest. Dann hielt es ihr einen Spiegel hin und fragte: Gefällt sie dir?

Als Marie sich darin betrachtete, erkannte sie, dass es gar kein Spiegel war, den das Wesen mit einem violett getupften Tentakel vor sie hinhielt, sondern ein stiller, spiegelglatter Bergsee, von einem Rahmen aus Wurzelholz umflossen.

„Oh! Sie ist wunderschön“, rief Marie.

Dann schenke ich sie dir.

„Danke!“ Marie war ganz hingerissen von der leuchtenden Feder mit den wunderschönen Regenbogenfarben in ihrem wild gelockten, dunklen Haar. Sie betrachtete sich eine Weile und meinte, ein Leuchten in ihrem Gesicht erkennen zu können, das vorher nicht da gewesen war. Vielleicht war es ja der Funke des Göttlichen, den sie nun in ihren Augen zu erkennen glaubte, der zu dieser Veränderung geführt hatte? Dann fiel ihr etwas ein.

„Und wie heißt du jetzt? Ich nenne dich in meinen Gedanken immer noch nur das Wesen!“

Wie würdest du mich denn nennen, nach all diesen Reden?, antwortete es.

Puh! Das war mal eine Herausforderung. Vielleicht das sich ewig wandelnde Ändertierwesen? Nein, das war eindeutig viel zu umständlich. Und viel zu lang.

Zu lang?!, prustete das Wesen auf und kicherte.

Mein wahrer Name ist unendlich viel länger. So lang, dass man ihn nie aussprechen könnte, weil man niemals damit fertig würde, erklärte es, als es sich wieder gefangen hatte.

Sieh mal, es ist so. Mein Name verändert sich, genau wie meine Gestalt es tut, und das zeitgleich mit ihr. Und nicht nur das, er verändert sich auch, je nachdem, wer mich gerade aufsucht, denn auch mein Aussehen liegt im Auge, ja im ganzen Sein des Betrachters, und meine Form reagiert darauf. So wie der Kater hier zugleich Zausel und auch Flocke heißt, je nachdem, wer ihn ansieht, und dabei sind beide Namen richtig.“

„Hm, na gut, das kann ich noch verstehen, dass dein wahrer Name für jeden anders lautet, weil jeder etwas anderes in dir sieht. Aber wie kann es dein wahrer Name sein, wenn er sich doch immer wieder ändert, während du dich veränderst? Dann wäre der vorherige Name doch falsch, und richtig wäre er immer nur in einem winzigen Augenblick, der doch gleich wieder vergangen ist und damit gleich wieder falsch wäre…“

Das liegt daran, dass die Vergangenheit genauso wahr ist, wie die Gegenwart und auch die Zukunft, denn alle Zeiten fließen ineinander und existieren zur gleichen Zeit. Und so wird mein Name auch in der Zukunft stets mein wahrer Name sein, wie auch immer sie aussehen wird, und er wird auch in der Vergangenheit immer mein wahrer Name gewesen sein, selbst wenn die Vergangenheit sich verändert. So wahr, wie in diesem Augenblick, in dem du mich ansiehst. So ist mein Name fließend und stets der Richtige. Und solange Leben existiert, ist er unendlich lang. Er wird erst zu Ende gehen, wenn ich einst in die göttliche Quelle zurückkehre und wieder mit ihr verschmelze.

Das Wesen zwinkerte Marie zu. Na? Willst du’s mal versuchen?, fragte es schelmisch.

Marie legte den Kopf schief und betrachtete ihn. „Fro-Tig-Hun-Drach-Libell-Ams-Katz-Aff-Fi-Wur-Eul-Schla…“ Marie gab es auf.

„Schlawiner! Ein Schlawiner bist du und so nenne ich dich ab jetzt auch!“, rief sie lachend.

Das Wesen lachte mit.

Das soll mir recht sein, bestimmt war irgendwann auch mal ein Schlawiner unter all meinen Gestalten und Formen – vermutlich genau in dem Moment, als du mir diesen Namen gegeben hast, meinte er augenzwinkernd.

Viele nennen mich den Unaussprechlichen oder den Apotheker der Tiere, oder ganz einfach Aithon, denn so nennen mich meine Freunde in der universellen Sprache des Lichts.

Marie lächelte breit. Aithon, das gefiel ihr. Und dann fiel ihr noch etwas ein, das er vorhin gesagt hatte.

„Sag mal, Aithon, was du da eben gesagt hast, über die Vergangenheit… ist das wahr?“

Dass sie sich verändern kann, meinst du? Natürlich ist das wahr. Das Gestern ist genauso offen und veränderlich, wie das Heute und das Morgen. Ihre Wahrheit liegt immer darin, wie wir sie betrachten, genau wie bei den Namen, die wir einander geben. Wenn du die Geschichte veränderst, die du mit deinen Erlebnissen verbindest, verändert sich die jeweilige Zeit mit ihr.

„Das habe ich wirklich noch nie gehört“, antwortete Marie verwundert.

„Aber wenn ich Tiere verstehen kann, obwohl andere Menschen das nicht können, weil sie es nicht glauben wollen und deshalb gar nicht erst versuchen,“ sie hatte den Eindruck, schon genauso verworren daher zu reden, wie Aithon, „dann nehme ich an, dass ich versuchen kann, mich an diese Vorstellung zu gewöhnen, damit ich nichts Wichtiges versäume.“

Und nachdem sie noch einen Augenblick darüber nachgedacht hatte, fügte sie hinzu: „Kannst du mir verraten, wie man das genau anstellt? Die Vergangenheit verändern?“

Der Apotheker warf ihr einen prüfenden Blick zu.

Natürlich kann ich das. Wirst du dich denn auch erinnern?

Marie warf einen kurzen Blick auf ihr Pergament, indem sie die Augen schloss. Gleich sah sie, dass die Schriftrolle ganz von alleine immer länger geworden war und fleißig alles mitschrieb, was der Apotheker ihr erzählte.

„Es schreibt sich von selbst, ich vergesse es nicht“, sagte sie zu ihm.

Und weißt du auch, woran das liegt, dass es einfach geschieht?

Wieder überlegte sie einen Moment. „Nun, ich nehme an“, sagte sie dann, „ich nehme an, es muss wohl mit meiner Absicht zusammenhängen. Ich meine, ich schreibe all die Sachen ja nie mit meinen Händen auf, sondern immer nur im Geist, und doch kann ich die Schriftrollen hervorholen und lesen, wenn ich sie brauche.“

Genau so verhält es sich auch mit der Vergangenheit, ebenso wie mit Gegenwart und Zukunft. Eine reine Absicht, Vertrauen, Wahrhaftigkeit, einen freien Geist und ein aufrechtes Herz, mehr braucht es nicht, um die Vergangenheit aus den Fängen des einstmals geschehenen zu befreien. Du kannst in der Zeit reisen, ganz genau so, wie du auch hierher zu mir gekommen bist. Und wenn du sie mit neuen Augen betrachtest, mit den Augen der neuen Erfahrungen und der daraus entstandenen Weisheit, dann kannst du ihre Geschichte verändern, und mit ihr die Zeit.

Marie machte Kulleraugen. „Das ist ja… das ist ja genial!“, rief sie aus. „Geht das wirklich so leicht?“

Wenn man sich nur recht besinnt, geht alles leicht. Es ist ein Irrglaube, dass alles Gute Anstrengung erfordert. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. In Wahrheit braucht man bloß seinem Herzen und der Freude darin zu folgen. Denn was das Herz erfreut, steckt voller Liebe, und die Liebe ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen der Schöpfung und die Urkraft, die alles Leben gebiert. Denn sie ist der Funke des Göttlichen, der allem innewohnt und alle Welten untrennbar miteinander verbindet, in welcher Dimension sie sich auch befinden mögen. Mach die wahre Freude, die Begeisterung und die Liebe in deinem Herzen zu deinem Kompass, dann wirst du deinen Weg niemals verlieren.

Er lächelte ihr gütig zu.

Doch nun soll es genug sein. Es war mir eine große Freude, kleine Marie.

Da merkte Marie mit einem Mal, dass sie sehr müde geworden war, und die ganze Höhle vor ihren Augen mehr und mehr zu verschwimmen begann. Sie gähnte, dass ihre Kiefer nur so knackten, versuchte wach zu bleiben, um sich noch zu bedanken und zu verabschieden, doch schon im nächsten Augenblick waren ihre Augen zugefallen. Sie kuschelte sich in die weiche Wolke, zog schon halb im Schlaf den kleinen Kater in ihre Arme, sodass das Ei zwischen ihnen zu liegen kam, und sie gemeinsam, zärtlich aneinandergeschmiegt, ins Land der Träume hinüber glitten. Außer dem kleinen Ei, denn das war bereits im Traumland - vor lauter Erschöpfung hatte es die gesamte Reise und das ganze Geschehen in dieser wundersamen Höhle verschlafen.

Doch jetzt erwachte es.

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Die Ursprungsgeschichte der Schöpfung